Umbrüche in der österreichischen Erinnerungskultur vor 1986
Was brachte den Opfermythos zum Kippen – schon vor der Waldheim-Debatte?
1986 erschütterte eine Debatte im Wahlkampf des späteren Bundespräsidenten Kurt Waldheim Österreich. Häufig wird dabei Ende mit Anfang verwechselt: Eine kritische Debatte über die Opferthese begann keineswegs erst damit. Schon jahrzehntelang versuchten verschiedene Überlebende, Aktivist*innen, Wissenschafter*innen die Beteiligung von Österreicher*innen an der NS-Herrschaft und an NS-Verbrechen in der Öffentlichkeit zu diskutieren. Sie hatten damit die Voraussetzung für ein neues Verständnis Österreichs geschaffen, das in den 1990er-Jahren offizielle Haltung der Republik Österreich wurde. Das zeigt die Vorgeschichte vom Wandel in der österreichischen Erinnerungspolitik vom „Opfermythos zur Mitverantwortungsthese“, wie die Historikerin Heidemarie Uhl diesen Paradigmenwechsel auf den Punkt gebracht hat.
Viele dieser Debatten entsprangen nicht zuletzt der Auseinandersetzung mit der Präsenz von NS-Vertreter*innen im öffentlichen Leben der Zweiten Republik – mehr dazu unter www.hdgoe.at/ns-biografien.
Mehr Informationen zu den Nachwirungen des Nationalsozialismus nach 1945 finden Sie in der Themensammlung unter www.hdgoe.at/kontinuitaeten.
Beispiele für Umbrüche in der Diskussion von NS-Mitverantwortung in Österreich
1948 Ilse Aichinger erzählt in Die größere Hoffnung über NS-Verfolgung und Shoa
1960 Hans Lebert macht Verschweigen von Massenverbrechen im Roman Die Wolfshaut zum Thema
1961 Simon Wiesenthal gründet Dokumentationszentrums des Bundes Jüdischer Verfolgter des Naziregimes
1961 ORF zeigt Der Herr Karl
1961 Prozess gegen Adolf Eichmann
1963 Gründung des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstands
1965 Borodaijkewycz-Skandal
1966 Selma Steinmetz veröffentlicht die erste wissenschaftliche Aufarbeitung der NS-Verfolgung von Rom*nija
1970 Eröffnung einer Ausstellung im ehemaligen KZ Mauthausen
1971 Axel Corti und Helmut Andics präsentieren den Film Der Fall Jägerstätter
1972 Jüdisches Museum in Eisenstadt eröffnet
1975 Prozess gegen Heinrich Gross
1975 Kreisky-Peter-Wiesenthal Affäre
1975 Peter Henisch veröffentlicht Die kleine Figur meines Vaters
1978 Eröffnung der ersten Länderausstellung Österreichs in Auschwitz-Birkenau
1979 Aktivist*innen machen Treffen von NS-Tätern am Ulrichsberg publik
1979 ORF zeigt die Serie Holocaust - Die Geschichte der Familie Weiss
1983 Beschluss für das Denkmal gegen Krieg und Faschismus von Alfred Hrdlicka (Wien, Albertinaplatz)
1984 Elfriede Jelineks Stück Burgtheater thematisiert NS-Verstrickungen im Theater
1984 Einweihung des Denkmals vor dem ehemaligen NS-Lager Lackenbach
1984 Ruth Beckermann veröffentlicht das Buch Die Mazzesinsel. Juden in der Wiener Leopoldstadt 1918–1938
1985 Proteste gegen die Begrüßung des Kriegsverbrechers Walter Reder durch Verteidigungsminister Frischenschlager
1985 Einweihung des Denkmals für die verfolgten Rom*nija in Salzburg
1984 Ausstellung Versunkene Welt in Wien (initiiert von Leon Zelman)
1985 Ausstellung Die Vertreibung des Geistigen aus Österreich. Zur Kulturpolitik des Nationalsozialismus in Wien (geleitet von Oswald Oberhuber)
1985 Verfassungsgerichtshof stärkt NS-Verbotsgesetz und erklärt: „Die kompromißlose Ablehnung des Nationalsozialismus ist ein grundlegendes Merkmal der wiedererstandenen Republik“
1986 Wolfram Paulus macht in „Heidenlöcher“ lokalen Umgang mit Deserteuren zum Thema