1938: Die „Anschluss“-Kundgebung am Heldenplatz
Nationalsozialistische Inszenierung als Moment der europäischen Geschichte
Die Machtübernahme der Nationalsozialist*innen in Österreich war ein Prozess mit einem klaren Endpunkt. Über mehrere Wochen übernahmen die Nationalsozialist*innen ab Februar 1938 die Kontrolle: Behörden, Politiker und Institutionen der Dollfuß-Schuschnigg-Diktatur wurden zunehmend entmachtet. Rund um diese Zeit fanden eine Unzahl an Aufmärschen, öffentlichen Ansprachen, Fackelzügen und Veranstaltungen statt. Ursprünglich wollte die NS-Propaganda eine Rede Adolf Hitlers am Hauptplatz in Linz am 13.3. zum Höhepunkt dieses sogenannten „Anschlusses“ machen. Es war dies die erste Rede Hitlers auf österreichischem Boden und Linz sollte als „Jugendstadt“ Hitlers als positives Gegenbild zum kosmopolitischem, habsburgischen Wien hervorgehoben werden. Stattdessen wurde jedoch eine Kundgebung in Wien der Höhepunkt: Am 15. März 1938 verkündete Hitler am Heldenplatz offiziell das Ende eines Staates aufgrund der NS-Politik. Daher war dieser Moment auch ein Wendepunkt der europäischen Geschichte. Die Rede hörten ca. 200.000 Menschen vor Ort und deutlich mehr Menschen vor den Radiogeräten. In die ganze Welt wurde nicht nur die Kundgebung übertragen, sondern vor allem die Stimmung eines Ausnahmezustands und extremer Gefühle.
Die nationalsozialistische Propaganda setzte mit dieser Inszenierung alles daran, die Machtübernahme zu rechtfertigen: Erstens wurde mit dem Gebäude und der Musik Hitler als neuer Herrscher in der Hofburg dargestellt. Es sollte der Eindruck erweckt werden, die Diktatur sei eine rechtmäßige Fortsetzung des römisch-deutschen Reichs, nicht ein Bruch. Die Fassade der Hofburg wurde daher nicht verhüllt, die Figuren und Symbole des Habsburgischen Prunkbaus aber neu gedeutet. Die Propagandazeitungen betonten am nächsten Tag den imperialen Charakter des Orts und bezeichneten Hitler als denjenigen, der „die deutsche Geschichte erfüllt“ und abgeschlossen habe: „Der Reichsstatthalter hat gestern der Welt verkündet, daß Adolf Hitler als Führer und Reichskanzler in die Burg der alten Reichshauptstadt, in die Hüterin der Krone des alten Reiches, eingezogen ist.“ Auch die Musik, die vor Hitlers Rede gespielt wurde, reihte das Ereignis in die Tradition der Habsburgermonarchie ein.
Zweitens diente die Menschenmasse vor Ort dazu, die nationalsozialistische Machtübernahme scheindemokratisch zu rechtfertigen. Die NS-Propaganda sprach vom „Volkeswillen“, oder sogar von der „Volkserhebung“. Die Demokratie wurde als „Fremdherrschaft“ schlechtgeredet und durch eine angebliche Herrschaft der Masse ersetzt. Auch die weit verbreitete Aufnahme des Fotografen Heinrich Hoffmann diente dazu: Sie stellt die Masse am Platz ins Zentrum des Geschehens.
Nach der Rede wurde der Ort auf dieses Ereignis festgeschrieben: Der Altan der Neuen Hofburg wird bis heute als „Hitlerbalkon“ bezeichnet. Um die Rede zu überhöhen, wurde er nicht mehr für öffentliche Ansprachen verwendet, eine Gedenktafel und ein Steinrelief am Boden machten den Ort bis 1945 zur Kultstätte. Auch nach 1945 wurde dieses Tabu aufrecht erhalten. Zentral ist diese Kundgebung auch für die Erinnerungskultur nach dem Ende der NS-Herrschaft 1945: In der kritischen Auseinandersetzung wurde „Heldenplatz“ zur Chiffre, der Altan zur „Ikone der österreichischen Mitverantwortung am Nationalsozialismus“ (Heidemarie Uhl). Unzählige künstlerische Auseinandersetzungen bezogen sich auf den Widerspruch zwischen der hysterischen Begeisterung und der österreichischen Selbstdarstellung als „erstes Opfer des Nationalsozialismus“, wie etwa das Fernsehstück „Der Herr Karl“ oder das Theaterstück „Heldenplatz“.
Weitere Infos auf anderen Seiten:
Web-Ausstellung zur Nutzungsgeschichte des Altans
Mehr zur Frage eines Erinnerungszeichens am Altan
Mehr zur nationalsozialistischen Gedenkkultur am Altan der Neuen Hofburg
Ideen zum Umgang mit diesem historischen Ort in der Zukunft in dieser Web-Ausstellung zum Mitmachen






