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Die Schwarzweiß-Fotografie zeigt Adolf Hitler am Altan der Neuen Burg. Er ist in Rückenansicht zu sehen, im Hintergrund der Heldenplatz mit Menschenmassen. Die Hakenkreuzfahne ist auf einen hohen Mast aufgezogen.
Foto: Heinrich Hoffmann, Agentur Weltbild/ÖNB, Bildarchiv und Grafiksammlung

1938: Die „Anschluss“-Kundgebung am Heldenplatz

Nationalsozialistische Inszenierung als Moment der europäischen Geschichte

Die Machtübernahme der Nationalsozialist*innen in Österreich war begleitet von einer Unzahl an Aufmärschen und öffentlichen Ansprachen.  Der Höhepunkt war am 15. März 1938 am Wiener Heldenplatz erreicht. Adolf Hitler verkündete dort offiziell das Ende eines Staates, Österreich, aufgrund der NS-Politik. Daher ist dieser Moment auch ein Wendepunkt der europäischen Geschichte. Die Rede hörten ca. 200.000 Menschen vor Ort und deutlich mehr Menschen vor den Radiogeräten. In die ganze Welt wurde nicht nur die Kundgebung übertragen, sondern vor allem die Stimmung eines Ausnahmezustands und extremer Gefühle.

 

Die nationalsozialistische Propaganda setzte mit der Inszenierung der Veranstaltung alles daran, die Machtübernahme zu rechtfertigen: Erstens wurde Hitler als neuer Herrscher in der Hofburg dargestellt, die Diktatur als Fortsetzung des römisch-deutschen Reichs. Die Fassade der Neuen Burg wurde daher nicht verhüllt, die Figuren und Symbole des Habsburgischen Prunkbaus aber neu gedeutet. Die Propagandazeitungen betonten am nächsten Tag: „Der Reichsstatthalter hat gestern der Welt verkündet, daß Adolf Hitler als Führer und Reichskanzler in die Burg der alten Reichshauptstadt, in die Hüterin der Krone des alten Reiches, eingezogen ist.“ Die Musik, die vor Hitlers Rede gespielt wurde, reihte das Ereignis sogar direkt in die Tradition der Habsburgermonarchie ein.

 

Zweitens diente die Menschenmasse von ca. 200.000 Menschen vor Ort dazu, die nationalsozialistische Machtübernahme zu rechtfertigen – als scheinbar demokratischer Akt. Die NS-Propaganda sprach vom „Volkeswillen“, oder sogar von der „Volkserhebung“.  Die Demokratie wurde als „Fremdherrschaft“ schlechtgeredet, dergegenüber eine angebliche Herrschaft der Masse „dem deutschen Charakter entsprechender“ sei. Die weit verbreitete Aufnahme des Fotografen Heinrich Hoffmann von diesem Ereignis bringt das auf den Punkt: Sie stellt die Menschenmasse am Platz ins Zentrum des Geschehens, während Hitler nur von hinten gezeigt wird.

 

Nach der Rede wurde der Ort auf dieses Ereignis festgeschrieben: Der Altan der Neuen Hofburg wird bis heute als „Hitlerbalkon“ bezeichnet. Bis 1945 markierten eine Gedenktafel und ein Steinrelief am Boden den Ort als Kultstätte. Um die Rede zu überhöhen, wurde der Altan seit 1938 nicht mehr für öffentliche Ansprachen verwendet. Auch nach 1945 wurde dieses Tabu aufrecht erhalten. In der kritischen Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit wurde „Heldenplatz“ zur Chiffre, der Altan zur „Ikone der österreichischen Mitverantwortung am Nationalsozialismus“ (Heidemarie Uhl).  Unzählige künstlerische Auseinandersetzungen bezogen sich auf den Widerspruch zwischen der hysterischen Begeisterung und der österreichischen Selbstdarstellung als „erstes Opfer des Nationalsozialismus“, wie etwa das Fernsehstück „Der Herr Karl“ oder das Theaterstück „Heldenplatz“. Die Großdemonstration Lichtermeer setzte es sich 1992 – erfolgreich – zum Ziel, mehr Menschen als 1938 auf den Heldenplatz zu bringen,  um dem Ort auch eine neue Bedeutung zu geben.

 

Weitere Infos auf anderen Seiten:

Web-Ausstellung zur Nutzungsgeschichte des Altans

Mehr zur Frage eines Erinnerungszeichens am Altan

Mehr zur nationalsozialistischen Gedenkkultur am Altan der Neuen Hofburg

Ideen zum Umgang mit diesem historischen Ort in der Zukunft in dieser Web-Ausstellung zum Mitmachen 

Jahr
1938
Autor*innen