Ferdinand Obenfeldner (1917–2009)
Polizist in Innsbruck und Soldat
Ferdinand Obenfeldner wurde am 19. Jänner 1917 in Lienz als Sohn eines Arbeiters bei den Österreichischen Bundesbahnen geboren. Infolge der Wirtschaftskrise 1934 verlor er seine Arbeit als Kontorist in der Bauwarengroßhandlung Volland & Erb. Nach seinen eigenen Angaben schloss er sich nach den Februarkämpfen 1934 den Revolutionären Sozialisten an. Diese agierten als illegale Untergrundorganisation, nachdem die Sozialdemokratie in den Kämpfen 1934 unterlegen war und ebenso verboten wurde wie bereits die Kommunistische Partei 1933. 1935 trat er in das Österreichische Bundesheer ein und wurde 1938 nach der NS-Machtübernahme in Österreich als Unteroffizier in die Deutsche Wehrmacht übernommen.
Im Mai 1938 wechselte Obenfeldner zur Gestapo und begann in der Gestapo-Leitstelle Innsbruck, wo er in der Personalabteilung arbeitete. Seine Tätigkeit beschränkte sich nicht nur auf administrative Aufgaben; er war unter anderem an der Verhaftung des während des Novemberpogroms 1938 schwer verletzten jüdischen Kaufhausinhabers Richard Schwarz beteiligt. Im November 1939 wurde er Mitglied der NSDAP und danach der SS. Von 1940 bis Mai 1945 war er als Soldat der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg eingesetzt.
Nach seiner Rückkehr aus der US-amerikanischen Kriegsgefangenschaft im August 1945 durchlief er eine bemerkenswerte politische Karriere in der Tiroler Sozialistischen Partei Österreichs (SPÖ). Zunächst fand Obenfeldner eine Anstellung im Parteisekretariat der SPÖ Tirol. Von 1945 bis 1950 fungierte er als Landesobmann der Sozialistischen Jugend Tirols. Ab 1946 arbeitete er bei der Tiroler Gebietskrankenkasse, deren Direktor er von 1951 bis 1980 war.
Bei der Registrierung, zu der ehemalige Nationalsozialist*innen aufgrund des NS-Verbotsgesetzes verpflichtet waren, gab Obenfeldner 1946 an, lediglich „Parteianwärter“ der NSDAP gewesen zu sein, was eine Einstufung als „minderbelastet“ nach sich zog. Als ehemaliger SS- und Gestapo-Angehöriger hätte er sich aber gleich in doppelter Hinsicht als „belasteter Nationalsozialist“ registrieren lassen müssen. Ein von ihm eingebrachtes Gnadengesuch nach § 27 des Verbotsgesetzes wurde 1947 positiv beschieden. In den 1950er Jahren holte ihn seine Vergangenheit ein. 1955 und 1957 wurden am Landesgericht Innsbruck Strafverfahren gegen ihn eingeleitet. Ihm wurde vorgeworfen, als Personalreferent der Gestapo an der Hinrichtung zweier polnischer Zwangsarbeiter im September 1940 beteiligt gewesen zu sein. Beide Verfahren wurden jedoch 1958 eingestellt. Der SPÖ-Landesparteivorstand stellte sich hinter Obenfeldner. Jene Person, die die Anzeige eingebracht hatte, Heinz Friese, wurde hingegen aus der SPÖ und dem parteinahen Bund Sozialistischer Akademiker ausgeschlossen.
Trotz dieser Enthüllungen setzte Obenfeldner seine politische Karriere ungebrochen fort: Von 1950 an gehörte er 35 Jahre dem Innsbrucker Gemeinderat an, davon sechs Jahre als Stadtrat und 23 Jahre als Vizebürgermeister (1962–1985). Von 1968 bis 1975 war er zudem Abgeordneter zum Tiroler Landtag und bekleidete zahlreiche Funktionen in der SPÖ, u.a. als Stellvertretender Landesparteivorsitzender der SPÖ-Tirol und als Mitglied des SPÖ-Bundesparteivorstands. 1971 trat er dem Bund Sozialistischer Akademiker bei. Als Kommunal- und Landespolitiker blieb er stets Multifunktionär, so saß er bei den Innsbrucker Verkehrsbetrieben, der Stubaitalbahn und der Innsbrucker Hotel AG im Aufsichtsrat und nahm überdies ehrenamtliche Funktionen wahr. Nach seinem Rückzug aus der Politik 1985 erhielt er zahlreiche Ehrungen. Erst im Zuge der Aufarbeitung der NS-Kontinuitäten im Umfeld der Sozialdemokratie 2005 wurde Obenfeldners NS-Täterschaft in den Medien öffentlich diskutiert. Er starb 93-jährig am 22. Dezember 2009 in Innsbruck.
Weiterführende Links:
https://www.derstandard.at/story/2800488/feier-zu-ehren-obenfeldners-war-ein-fehler
https://www.doew.at/cms/download/m2od/170.pdf
Wissenschaftliche Literatur:
Christian Mathies, „Immer auf der Seite der Demokratie?“ Überlegungen zur Kontroverse um die NS-Vergangenheit Ferdinand Obenfeldners, in: Lisa Gensluckner / Monika Jarosch / Horst Schreiber / Alexandra Weiss (Hg.), Gaismair-Jahrbuch 2008, Auf der Spur, Innsbruck–Wien–Müchnen–Bozen 2007, S. 42–50.
Wolfgang Neugebauer / Peter Schwarz, Der Wille zum aufrechten Gang. Offenlegung der Rolle des BSA bei der gesellschaftlichen Reintegration ehemaliger Nationalsozialisten, Wien 2005, S. 151–160.