Alois Karl Hudal (1885–1963)
Bischof in Rom, Fluchthelfer für Kriegsverbrecher
Alois Karl Hudal wurde am 31. Mai 1885 in Graz in einfache Verhältnisse geboren. Zum sozialdemokratisch orientierten Vater Josef, einem steirisch-slowenischen Schuhmachermeister, hatte er zeitlebens ein distanziertes Verhältnis, während ihn die starke katholische Überzeugung seiner Mutter Maria (geb. Wiser) entscheidend geprägt haben dürfte. Ab 1904 studierte er Theologie an der Karl-Franzens-Universität Graz. Dort trat er der katholischen Studentenverbindung Winfridia bei, wurde 1908 zum Priester geweiht und zum Kaplan in Kindberg bestellt. 1911 erwarb er den Doktortitel der Theologie und studierte daran anschließend am Päpstlichen Bibelinstitut in Rom, wo er im deutschen Priesterkolleg Santa Maria dell‘ Anima (Anima) wohnte.
Nach seiner Rückkehr nach Graz stieg er rasch in der kirchlichen Hierarchie auf, unterbrochen nur von einem Dienst als Feldpriester im Ersten Weltkrieg (1914-1918). 1923 erreichte er die Anstellung als ordentlicher Professor an der Universität Graz und gleichzeitig als Koadjutor der Anima, die er zum Zentrum deutscher Kleriker in Rom entwickelte. 1933 wurde er zum Titularbischof geweiht und 1937 zum Rektor der Anima ernannt.
Bereits als junger Pfarrer hatte Hudal ein stark politisches Verständnis des Katholizismus gepredigt. Darin zeigte er schon früh antisemitische, antisozialistische und deutschnationale Haltungen. Nach dem Ersten Weltkrieg trat er der Deutschen Gemeinschaft bei, einem antisemitischen Geheimbund, in dem sich Deutschnationale mit rechtsextremen Katholiken zur Unterstützung von Leuten aus ihrem politischen Umfeld verbündet hatten und die Karrieren von Jüdinnen und Juden sowie politisch links eingeordneten Menschen verhindern wollten. Mit dem Aufstieg Hitlers und der NSDAP in den 1930er Jahren entwickelte Hudal starke Sympathien für den Nationalsozialismus und strebte danach, Katholizismus und Nationalsozialismus zu verbinden. In seinem Hauptwerk Die Grundlagen des Nationalsozialismus, das 1936 erschien, betonte er die vermeintlich positiven christlichen Aspekte der NS-Ideologie und warb für einen „christlichen Nationalsozialismus“. Das Buch war höchst umstritten: So bezeichnete ihn der Münchner Kardinal Michael Faulhaber daraufhin als einen „Hoftheologen der NSDAP“. Der Vatikan reagierte entsetzt und auch Propagandaminister Joseph Goebbels ließ das Werk in NS-Deutschland verbieten. Die NS-Machtübernahme in Österreich 1938 begrüßte Hudal überschwänglich.
Während der deutschen Besetzung Roms 1943/1944 verhielt sich Hudal widersprüchlich, einerseits unterstützte er Verfolgte, andererseits blieb er dem Nationalsozialismus verbunden. Bei der „Juden-Razzia“ der SS im Oktober 1943 in Rom, bei der über 1.000 Jüdinnen und Juden deportiert wurden, erhob er zwar bei den deutschen Militärbehörden Einspruch, doch erst nach dem Ende der Transporte.
Ab 1945 organisierte Hudal Möglichkeiten für NS-Funktionäre und NS-Kriegsverbrecher, den alliierten Behörden und der juristischen Aufarbeitung der NS-Verbrechen zu entkommen. Über ein Netzwerk aus Geistlichen, Klöstern und dem Roten Kreuz wurden diese mit gefälschten Dokumenten ausgestattet und über Fluchtrouten („Rattenlinien“) nach Südamerika und in den Nahen Osten geschleust. Dadurch konnten unter anderem folgende NS-Verbrecher erfolgreich flüchten: Franz Stangl (Kommandant der Vernichtungslager Sobibor und Treblinka), Eduard Roschmann („Schlächter von Riga“), Alois Brunner (Leiter der Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Wien) und Walter Rauff (verantwortlich für mobile Gaswagen, mit denen über 500.000 Menschen ermordet wurden).
Hudals Karriere endete abrupt, als er dem ehemaligen SS-Gruppenführer Otto Gustav Wächter, der im Juli-Putsch 1934 in Österreich eine führende Rolle gespielt hatte in der Anima Unterschlupf gewährte und die Sterbesakramente spendete. Aufgrund dieses Skandals nötigte der Vatikan den Rektor der Anima 1952 zum Rücktritt. Hudal starb verbittert am 13. Mai 1963 in Rom und wurde auf dem Campo Santo Teutonico beigesetzt.
Weiterführende Links:
https://oecv.at/biolex/Detail/11100109
https://science.orf.at/v2/stories/2994893/
Wissenschaftliche Literatur:
Ernst Klee, Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945, Frankfurt/Main 2007, S. 272.
Ernst Klee, Persilscheine und falsche Pässe. Wie die Kirchen den Nazis halfen, Frankfurt/Main 1991, S. 40–50.
Marcus Langer, Alois Hudal. Bischof zwischen Kreuz und Hakenkreuz. Versuch einer Biographie, Diss. phil., Wien 1995.
Johannes Sachslehner, Hitlers Mann im Vatikan. Bischof Alois Hudal. Ein dunkles Kapitel in der Geschichte der Kirche, Wien–Graz 2019.
Philippe Sands, Die Rattenlinie – ein Nazi auf der Flucht. Lügen, Liebe und die Suche nach der Wahrheit, Frankfurt/Main 2020.
Gerald Steinacher, Nazis auf der Flucht. Wie Kriegsverbrecher über Italien nach Übersee entkamen, Wien–Innsbruck–München 2008.