Otto Gustav Wächter wurde am 8. Juli 1901 in Wien als Sohn, des k. u. k. Hauptmanns, späteren Generals und Ministers für Heerwesen Josef Freiherr von Wächter geboren. Nach seiner Matura in České Budějovice/Budweis absolvierte er das Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Wien, wo er 1924 promovierte. Seine juristische Laufbahn begann Wächter am Oberlandesgericht Wien. Von 1929 bis 1934 arbeitete er als Rechtsanwalt in Wien. Er heiratete die Industriellentochter Charlotte Bleckmann, mit der er sechs Kinder hatte.
Nach dem Ersten Weltkrieg schloss er sich einem rechtsextremen Freikorps an und engagierte sich in der NS-Bewegung. 1923 trat er der SA, 1930 der NSDAP bei. Wächter betätigte sich als Partei-Anwalt und bekleidete 1931 wichtige Parteiämter (Gauamtsleiter, Hauptschulungsleiter der NSDAP). 1932 erfolgte sein Eintritt in die SS. Nach dem Verbot der NSDAP in Österreich im Juni 1933 war er als Sonderbeauftragter der illegalen NSDAP-Landesleitung zu Verhandlungen mit österreichischen Regierungsstellen befugt.
Als politischer Leiter und Hauptorganisator des Juli-Putsch Versuches 1934 floh er ins Deutsche Reich. Im Zuge der NS-Machtübernahme in Österreich 1938 leitete er als Staatskommissar die Abteilung II (Verwaltungs- und Personalangelegenheiten) im Ministerium für innere und kulturelle Angelegenheiten, wo er die Entlassung von österreichischen Beamten nach politischen und rassistischen Gründen verantwortete (Wächter-Kommission).
Nach der Besetzung Polens durch die Deutsche Wehrmacht kam Wächter im Herbst 1939 im Gefolge des ehemaligen österreichischen Reichsstatthalters Arthur Seyß-Inquart nach Krakau. Wächter stieg im November 1939 zum Gouverneur des Distrikts Krakau auf. Von ihm erlassene Maßnahmen zielten darauf ab, die Verfolgung und Entrechtung der jüdischen Bevölkerung voranzutreiben. Beispielsweise untersagte er jüdischen Kindern den Schulbesuch. Im Mai 1940 ordnete er die Ausweisung von 68.000 Jüdinnen und Juden aus Krakau an und die Errichtung des Krakauer Ghettos, in dem über 18.000 jüdische Menschen auf engstem Raum zusammengepfercht wurden. 1942 trat Wächter das Amt des Gouverneurs des Distrikts Galizien in Lwów/Lviv/Lemberg an, wo er mit SS- und Polizeiführer Friedrich Katzmann an der Deportation und Ermordung einer halben Million Menschen im Rahmen der Shoah beteiligt war.
Nach der Eroberung des Distrikts Galizien 1944 durch sowjetische Truppen wurde Wächter Militärverwaltungschef im deutsch besetzten Italien, wo er für den Bereich „Ostangelegenheiten“ im Reichssicherheitshauptamt verantwortlich war.
Nach dem Ende der NS-Herrschaft kehrte er im Mai 1945 nach Österreich zurück, wo er sich vier Jahre lang auf Salzburger Almhütten versteckt hielt. 1949 wollte er über die „Rattenlinie“ von Italien nach Südamerika gelangen. Der österreichische Bischof Alois Hudal gewährte ihm vorübergehend Zuflucht in einer katholischen Einrichtung in Rom. Wächter starb unter falschem Namen am 14. Juli 1949 überraschend in einem römischen Spital. Er und seine Familie hatten in der NS-Zeit von „Arisierungen“, Enteignungen und Kunstraub profitiert. Sein Sohn Horst bestreitet bis heute jede politische Verantwortung seines Vaters und stellt ihn als Opfer des NS-Systems dar.
Weiterführende Links:
https://www.derstandard.at/story/2000121851449/der-mysterioese-tod-des-otto-waechter
https://orf.at/stories/3218332/
https://www.biographien.ac.at/oebl/oebl_W/Waechter_Otto_1901_1949.xml
https://collections.ushmm.org/search/catalog/irn85067?rsc=103303&cv=0&x=1081&y=2016&z=1.2e-4
https://www.bbc.com/audio/series/m0000phy
Wissenschaftliche Literatur:
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Wolfgang Graf, Österreichische SS-Generäle. Himmlers verlässliche Vasallen, Klagenfurt–Ljubljana–Wien 2012, S. 68–70.
Eberhard Jäckel / Peter Longerich / Julius H. Schoeps (Hg.), Enzyklopädie des Holocaust. Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden, Bd. II, München–Zürich 1998, S. 809–811.
Ernst Klee, Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945, Frankfurt/Main 2007, S. 647 f.
Bogdan Musial, Deutsche Zivilverwaltung und Judenverfolgung im Generalgouvernement, Wiesbaden 1999.
Dieter Pohl, Nationalsozialistische Judenverfolgung in Ostgalizien 1941-1944, München 1997, S. 83–93.
Philippe Sands, Die Rattenlinie – ein Nazi auf der Flucht. Lügen, Liebe und die Suche nach der Wahrheit, Frankfurt/Main 2020.
Weiterführende Links:
https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Herbert_von_Karajan
https://www.stadt-salzburg.at/ns-projekt/strassennamen/dr-h-c-herbert-von-karajan
Wissenschaftliche Literatur:
Siegfried Göllner, Herbert von Karajan, in: Die Stadt Salzburg im Nationalsozialismus.
Biografische Recherchen zu NS-belasteten Straßennamen der Stadt Salzburg, online abrufbar unter:
https://www.stadt-salzburg.at/fileadmin/landingpages/stadtgeschichte/nsprojekt/strassennamen/biografien/karajan_herbert_von-v1.pdf, Version 1 – 18. 1. 2021.
Oliver Rathkolb, 1., Herbert‐von‐Karajan‐Platz, benannt seit 1996 nach Herbert von Karajan, in: Oliver Rathkolb/Peter Autengruber/Birgit Nemec/Florian Wenninger, Forschungsprojektendbericht, Straßennamen Wiens seit 1860 als „Politische Erinnerungsorte“. Erstellt im Auftrag der Kulturabteilung der Stadt Wien (MA 7), Wien 2013, S. 144–148.
Oliver Rathkolb, „Geschichte(n) einer Karte“. Anmerkungen zur Wechselbeziehung zwischen Nationalsozialismus und Künstlern am Beispiel von Herbert von Karajans NSDAP-Mitgliedschaft, in: Friedrich Edelmayer/Margarete Grandner/Jiří Pešek/Oliver Rathkolb (Hg.), Über die österreichische Geschichte hinaus. Festschrift für Gernot Heiss, Münster 2012, S. 191–214.
Fred K. Prieberg, Karajan, Herbert, in: ders., Handbuch Deutsche Musiker 1933–1945, 2. Edition, Auprès de Zombry 2009, S. 3815-3850.
