Ernst (Karl) Kaltenbrunner wurde als Sohn eines Rechtsanwalts 1903 geboren und wuchs in Raab in Oberösterreich auf. Nach dem Realgymnasium in Linz studierte er Rechtswissenschaft in Graz. Dort schloss er sich – wie einst sein Vater – der rechtsextremen deutschnationalen Burschenschaft Arminia Graz an. Nachdem er sein Studium 1926 mit dem Erwerb des Doktortitels beendet hatte, schlug er in Linz eine Laufbahn als Rechtsanwalt ein. Zuerst engagierte er sich kurzzeitig beim Heimatschutz, 1930 trat er der NSDAP und 1931 der SS bei. Er machte sich einen Namen als Führer des Linzer SS-Sturms und Verteidiger inhaftierter Mitglieder der NSDAP. Nach deren Verbot in der Dollfuß-Schuschnigg-Diktatur wurde er im Frühjahr 1934 im Anhaltelager Kaisersteinbruch eingesperrt. Am Putschversuch der österreichischen Nationalsozialisten im Juli 1934 unbeteiligt, bemühte er sich um eine Verständigung zwischen der Regierung Schuschnigg und der deutschen NS-Regierung. 1934 wurde er erneut verhaftet, wegen Hochverrats angeklagt, jedoch nur wegen der Straftat der Geheimbündelei zu 6 Monaten Haft verurteilt. Nach seiner Freilassung im Frühjahr 1935 war er im Untergrund für den Wiederaufbau der illegalen SS in Oberösterreich verantwortlich. Ab 1937 führte er die gesamte illegale österreichische SS.
Bei der NS-Machtübernahme in Österreich gehörte Kaltenbrunner der am 11. März 1938 gebildeten letzten österreichischen Bundesregierung unter dem nationalsozialistischen Bundeskanzler Arthur Seyß-Inquart an. Am 13. März 1938 wurde er auf Befehl von Reichsführer SS Heinrich Himmler zum Staatssekretär für die öffentliche Sicherheit berufen. Dieses Amt übte er auch nach der Angliederung Österreichs an das Deutsche Reich in der von Reichsstatthalter Seyß-Inquart geführten österreichischen Landesregierung aus. In dieser Funktion war er mitverantwortlich für den Aufbau der Gestapo in Österreich sowie die Verfolgung von politischen Gegner*innen und Menschen, die als Jüdinnen oder Juden eingestuft wurden. Seine Tätigkeit als Staatssekretär endete mit der Auflösung der österreichischen Landesregierung am 1. Mai 1939. Als Höherer SS- und Polizeiführer für den Wehrkreis XVII (Wien, Ober- und Niederdonau inkl. dem nördlichen Teil des aufgelösten Burgenlands) führte er die Aufsicht über die Sicherheitspolizei (Gestapo, Kriminalpolizei), die Ordnungspolizei, den Sicherheitsdienst des Reichsführers SS (SD) und verschiedene SS-Einheiten. Auch das KZ Mauthausen bei Linz unterstand seiner Inspektion.
1943 wurde Kaltenbrunner von Himmler zum Nachfolger Reinhard Heydrichs ernannt, der im Juni 1942 den Folgen eines Attentats tschechischer Widerstandskämpfer erlegen war, und wurde so Chef der Sicherheitspolizei und des SD. Als Chef des Reichssicherheitshauptamts war er maßgeblich an der Shoah beteiligt, insbesondere an der Deportation und Ermordung von über 400.000 ungarischen Jüdinnen und Juden. Zudem trug er Mitverantwortung für die massenhafte Gewalt gegenüber Kriegsgefangenen, Zwangsarbeiter*innen aus Osteuropa und der Sowjetunion.
Als nachrichtendienstlicher Experte wurde Kaltenbrunner mit der Untersuchung gegen den Widerstand hochrangiger Militärs beauftragt, die am 20. Juli 1944 mit einem Attentatsversuch auf Adolf Hitler gescheitert waren. Gegen Kriegsende versuchte er, über Kontakte zum US-amerikanischen Geheimdienst Verhandlungen aufzunehmen.
Am 12. Mai 1945 wurde er von US-Truppen in der Wildenseehütte im Toten Gebirge aufgespürt. Als Hauptkriegsverbrecher vor dem Nürnberger Internationalen Gerichtshof angeklagt, versuchte er, die Verantwortung für seine Verbrechen auf andere NS-Funktionäre abzuwälzen. Am 1. Oktober 1946 wurde er wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zum Tode verurteilt und am 16. Oktober hingerichtet.
Weiterführende Links:
https://www.biographien.ac.at/oebl/oebl_K/Kaltenbrunner_Ernst_1903_1946.xml
https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Ernst_Kaltenbrunner
https://www.deutsche-biographie.de/sfz39641.html#ndbcontent
https://www.ooegeschichte.at/archiv/epochen/nationalsozialismus/biografien/ernst-kaltenbrunner
Literatur:
Peter Black, Ernst Kaltenbrunner – Vasall Himmlers. Eine SS-Karriere, Paderborn 1991.
Wolfgang Graf, Österreichische SS-Generäle. Himmlers verlässliche Vasallen, Klagenfurt–Ljubljana–Wien 2012, S. 231–242.