Herbert von Karajan (1908–1989)
Dirigent in Aachen und Berlin
Herbert von Karajan absolvierte das Konservatorium Mozarteum in Salzburg. Nach der Matura 1926 begann er Studien an der Universität Wien (Musikwissenschaften) und an der Akademie für Musik und darstellende Kunst (Dirigieren). Nach Abschluss der Akademie wurde er für die Saison 1929/30 vom Stadttheater Ulm als Erster Opernkapellmeister verpflichtet.
Am 8. April 1933 trat Karajan in Salzburg der NSDAP bei, aus formalen Gründen gilt der 1. Mai 1933 als Beitrittsdatum. Karajan machte während der NS-Herrschaft in Deutschland Karriere. 1934 wurde er Leiter der Oper in Aachen und erster Dirigent des Stadttheaters, 1935 Generalmusikdirektor und 1936 Städtischer Musikbeauftragter für Aachen. 1938 dirigierte er erstmals an der Berliner Staatsoper, wo ihm der künstlerische Durchbruch gelang. Daraufhin berief ihn Hermann Göring als Preußischer Ministerpräsident zum Leiter der Staatskapelle.
1939 erhielt er den Titel Staatskapellmeister und wurde ab Kriegsbeginn „uk“ (unabkömmlich) gestellt. Karajan nahm an Propagandaveranstaltungen der NSDAP im In- und Ausland teil, trat bei Parteiveranstaltungen auf und gab Gastspiele in besetzten Gebieten.
Im Juni 1942 endete Karajans Vertrag mit der Berliner Staatsoper, er trat jedoch weiter mit der Staatskapelle auf. Im Oktober 1942 heiratete er Anna Maria (Anita) Gütermann, die nach den rassistischen NS-Gesetzen als „Mischling 2. Grades“ galt. Karajan blieb jedoch Mitglied der NSDAP.
1943 verschaffte ihm Reichsstatthalter Gustav Adolf Scheel die Möglichkeit, in einer enteigneten Villa in Thumersbach (Zell am See) unterzukommen – diese war „arisiert“ worden). Die Zuweisung von „ausgebombten“, obdachlos gewordenen Familien in das geräumige Anwesen wurde von Karajan verhindert – mit Unterstützung Scheels.
Im August 1944 wurde der Dirigent, der nun v.a. mit dem Linzer Reichs-Bruckner-Orchester arbeitete, auf die „Gottbegnadetenliste“ gesetzt. Dies bewahrte ihn weiterhin vor einem Kriegseinsatz. Am 18. Februar 1945 gab er ein letztes Konzert mit der Staatskapelle in Berlin. Anschließend setzte er sich mit seiner Gattin nach Mailand ab, wo er das Kriegsende abwartete.
Ende 1945 kehrte Karajan nach Salzburg zurück. Im Entnazifizierungsverfahren machte er zahlreiche Falschangaben, u.a. dass er nach seiner Hochzeit aus der NSDAP ausgetreten sei. Karajan erhielt auf Grund dessen im Dezember 1945 eine Auftrittsgenehmigung und konnte im Jänner 1946 die Wiener Philharmoniker dirigieren. Allerdings wurde seine Verbindung zur NSDAP anschließend neu untersucht und er erhielt von März 1946 bis Oktober 1947 ein erneutes Auftrittsverbot. Danach konnte er seine Karriere fortsetzen. Er wurde Konzertdirektor der Gesellschaft der Wiener Musikfreunde (1948–64), Gastdirigent der Mailänder Scala (1948–68), Chefdirigent auf Lebenszeit der Berliner Philharmoniker (ab 1955), künstlerischer Leiter der Salzburger Festspiele (1956–60) und der Wiener Staatsoper (1956–64). Karajan wurde 1964 in das Direktorium der Salzburger Festspiele berufen und gründete dort die Oster- und Pfingstfestspiele (1967 bzw. 1973).
Der Ehrenbürger der Städte Salzburg (1968), Berlin (1973) und Wien (1978) erhielt zahlreiche weitere Auszeichnungen und blieb bis zu seinem Tod 1989 als Dirigent aktiv.
1991 bzw. 1996 wurden Plätze in Salzburg und Wien nach Karajan benannt. Die Wiener Straßennamenkommission ordnete diesen 2013 in die Gruppe mit dem zweithöchsten „Diskussionsbedarf“ ein, die Salzburger Kommission 2021 in jene mit dem höchsten und empfahl, eine Umbenennung in Erwägung zu ziehen.
Weiterführende Links:
https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Herbert_von_Karajan
https://www.stadt-salzburg.at/ns-projekt/strassennamen/dr-h-c-herbert-von-karajan
Wissenschaftliche Literatur:
Siegfried Göllner, Herbert von Karajan, in: Die Stadt Salzburg im Nationalsozialismus.
Biografische Recherchen zu NS-belasteten Straßennamen der Stadt Salzburg, online abrufbar unter:
https://www.stadt-salzburg.at/fileadmin/landingpages/stadtgeschichte/nsprojekt/strassennamen/biografien/karajan_herbert_von-v1.pdf, Version 1 – 18. 1. 2021.
Oliver Rathkolb, 1., Herbert‐von‐Karajan‐Platz, benannt seit 1996 nach Herbert von Karajan, in: Oliver Rathkolb/Peter Autengruber/Birgit Nemec/Florian Wenninger, Forschungsprojektendbericht, Straßennamen Wiens seit 1860 als „Politische Erinnerungsorte“. Erstellt im Auftrag der Kulturabteilung der Stadt Wien (MA 7), Wien 2013, S. 144–148.
Oliver Rathkolb, „Geschichte(n) einer Karte“. Anmerkungen zur Wechselbeziehung zwischen Nationalsozialismus und Künstlern am Beispiel von Herbert von Karajans NSDAP-Mitgliedschaft, in: Friedrich Edelmayer/Margarete Grandner/Jiří Pešek/Oliver Rathkolb (Hg.), Über die österreichische Geschichte hinaus. Festschrift für Gernot Heiss, Münster 2012, S. 191–214.
Fred K. Prieberg, Karajan, Herbert, in: ders., Handbuch Deutsche Musiker 1933–1945, 2. Edition, Auprès de Zombry 2009, S. 3815-3850.
