Karl Seiringer wurde am 5. Dezember 1905 in Timelkam im Bezirk Vöcklabruck in Oberösterreich als Sohn eines Landwirts geboren. Nach seiner Schulzeit trat er Ende März 1928 in den Wiener Polizeidienst ein. Im September 1932 wurde er Mitglied der NSDAP, der er auch nach dem Parteiverbot im Juni 1933 bis Juli 1934 angehörte. Nach der NS-Machtübernahme 1938 blieb ihm eine erneute Aufnahme in die NSDAP verwehrt, obwohl ihm die NSDAP-Ortsgruppe Hietzing Loyalität zur Partei und eine antisemitische Gesinnung bescheinigte. 1938 wurde Seiringer der Wiener Kriminalpolizei zugeteilt, die wie die gesamte österreichische Polizei nach politischen Kriterien neu besetzt und in die Deutsche Polizei eingegliedert wurde. Die Kriminalpolizei (Kripo) setzte nun gemeinsam mit der Gestapo wesentlich die NS-Herrschaft durch.
Von 1939 bis 1944 arbeitete Seiringer im Kommissariat II B 2 der Sittenpolizei, zuständig für Homosexualität und „Rassenschande“. Seiringer war dort vor allem mit der Verfolgung Homosexueller beschäftigt, die als Widerspruch zur „völkischen Sittenordnung“ bzw. zur „Gesundheit des Volkskörpers“ im Visier des NS-Staates standen. Die Polizeiarbeit basierte auf § 129 Ib des österreichischen Strafgesetzes (StG) von 1852, der Sexualkontakte zwischen Männern sowie zwischen Frauen als „Unzucht wider die Natur“ verbot und auch während der NS-Herrschaft in Kraft blieb. Im Gegensatz dazu stellte § 175 des reichsdeutschen Strafgesetzbuchs (RStGB) ausschließlich männliche Homosexualität unter Strafe. 1938 setzte eine verstärkte Verfolgung Homosexueller ein, da nun zwei Polizeibehörden – Kripo und Gestapo – diese parallel vorantrieben. Die Zahl der Festnahmen betrug 1939 das Viereinhalbfache im Vergleich zu 1937. 1940 wurde außerdem die österreichische an die 1935 verschärfte reichsdeutsche Rechtsauslegung angeglichen. Für eine Verurteilung waren keine sexuellen Handlungen mehr erforderlich, es genügte bereits ein Verstoß gegen das „gesunde Volksempfinden“. Gestapo und Kripo intensivierten ihre Ermittlungen, wobei die Gestapo nach einem „Schneeballsystem“ vorging. Verdächtige, die durch Anzeige oder Denunziation in Gewahrsam der Polizei gelangten, wurden in Verhören physisch und psychisch derart unter Druck gesetzt, dass diese nicht nur das Delikt gestanden, sondern auch die Namen weiterer Verdächtiger preisgaben. Ganze Freundeskreise und subkulturelle Netzwerke wurden so entdeckt und zerstört. Ab September 1939 war für alle neuen Delikte im Bereich von Homosexualität allein die Kripo zuständig, die unter der Behauptung der „vorbeugenden Verbrechensbekämpfung“ bei der Ausforschung von Verdächtigen vor allem auf Außenermittlungen setzte. Kriminalbeamte wie Karl Seiringer observierten die Wiener homosexuelle Subkultur an bekannten Treffpunkten, um Verdächtige auf frischer Tat zu verhaften – in Bädern, öffentlichen Toiletten, Parkanlagen und Lokalen. Seiringer erwies sich dabei als der profilierteste Homosexuellenjäger der Wiener Kriminalpolizei: Er war in rund 350 Fällen Tatzeuge und nahm mindestens 116 Festnahmen vor. Homosexuelle wurden von der Polizei nicht nur den Gerichten übergeben, sondern nach Verbüßung ihrer Strafe oder anstelle eines Gerichtsurteils in KZ´s eingewiesen, in denen diese nur geringe Überlebenschancen hatten.
Nach Kriegsende 1945 wurde Seiringer für seine Beteiligung an den Maßnahmen der nationalsozialistischen Polizei gerichtlich nicht belangt. Denn die strafrechtliche Verfolgung von Homosexualität war kein Spezifikum der NS-Herrschaft. Bis zur kleinen Strafrechtsreform 1971 war Homosexualität auch in der Zweiten Republik verboten.
Seiringer blieb bis zu seiner Pensionierung Ende Mai 1966 im Polizeidienst tätig, zuletzt als Kriminalrevierinspektor im Kommissariat Wien-Meidling. Er starb am 4. Juni 1967 in Wien.
Weiterführende Links:
https://hdgoe.at/verfolgung-homosexuelle
https://www.dhm.de/lemo/kapitel/ns-regime/ns-organisationen/gestapo
Literatur:
Elisabeth Boeckl-Klamper / Thomas Mang / Wolfgang Neugebauer, Gestapo-Leitstelle Wien 1938–1945, Wien 2018, S. 364-367.
Andreas Brunner, Als homosexuell verfolgt. Wiener Biografien aus der NS-Zeit, Wien 2023.
Gerald Hesztera, Die Exekutive und der „Anschluss“. Zu den Auswirkungen auf das österreichische Sicherheitssystem, in: Barbara Stelzl-Marx / Andreas Kranebitter / Gregor Holzinger (Hg.), Exekutive der Gewalt. Die österreichische Polizei und der Nationalsozialismus, Wien 2024, S. 75–91.
Jonas Sperber, Die Homosexuellenverfolgung durch die Gestapo Wien, in: Andreas Brunner / Hannes Sulzenbacher (Hg.), Homosexualität und Nationalsozialismus in Wien, Berlin 2023, S. 161–176.
Friedericke Sudmann, Karl Seiringer und das Sittendezernat der Wiener Kriminalpolizei, in: Andreas Brunner / Hannes Sulzenbacher (Hg.), Homosexualität und Nationalsozialismus in Wien, Berlin 2023, S. 177–190.