Heinrich Gross (1915–2005)
Psychiater, Neurologe und Tötungsarzt in Wien
Heinrich Gross, geboren am 14. November 1915 in Wien, wuchs nach dem Tod seines Vaters bei seiner Mutter auf, die ein Wollwarengeschäft führte. Nach der Matura 1934 studierte er Medizin an der Universität Wien. Er heiratete seine Freundin Hilde, mit der er drei Kinder hatte. 1932 war er der Hitlerjugend (HJ), 1933 der SA beigetreten. Trotz NSDAP-Verbot in Österreich 1933 blieb er in der illegalen SA aktiv. 1938 trat er der NSDAP bei.
Nachdem er sein Studium als Doktor der Medizin abgeschlossen hatte, arbeitete er in Spitälern in Wien und Ybbs, bevor er im November 1940 zur Wiener Städtischen Jugendfürsorgeanstalt Am Spiegelgrund unter Dr. Erwin Jekelius wechselte. Diese wurde in neun Pavillons der Heil- und Pflegeanstalt Am Steinhof eingerichtet, nachdem 3.200 Patient*innen von dort in der Tötungsanstalt Hartheim ermordet worden waren. Teil der neuen Institution am Spiegelgrund war auch eine Abteilung (Pavillon 15 und 17), in der Kinder systematisch ermordet wurden. Gross war zunächst an der „Disziplinierung“ von Kindern beteiligt, die wegen ihres Verhaltens ohne jeden medizinischen Grund gequält wurden (zum Beispiel durch „Speibinjektionen“). Ab April 1941 leitete er den „Tötungspavillon“ 15. Nach einem Fortbildungskurs in Tötungsmethoden wirkte er am Spiegelgrund an der Selektion und Tötung von Kindern mit, die er als „unheilbar“ oder „bildungs- bzw. arbeitsunfähig“ einstufte. Insgesamt wurden 789 Kinder am Spiegelgrund getötet. Gross beteiligte sich auch an medizinischen Experimenten, die an den Kindern vorgenommen wurden.
Zu Ende der NS-Herrschaft geriet Gross an der Elbe in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Als er 1947 aus dieser entlassen wurde, war er zunächst auf der Flucht. 1948 wurde Gross in der Steiermark verhaftet und 1950 wegen Beihilfe zum Totschlag an Kindern verurteilt. Das Urteil wurde vom Obersten Gerichtshof 1951 wegen eines Formfehlers aufgehoben und das Verfahren eingestellt. Gross startete eine zweite Karriere, wobei ihm seine Mitgliedschaft im Bund Sozialistischer Akademiker zugutekam: Nach einer Facharztausbildung als Neurologe kehrte er 1955 an das Psychiatrische Krankenhaus Am Steinhof zurück, wo er zum Primar aufstieg. Dort begann er mit der Auswertung der Gehirne der Spiegelgrund-Opfer, die präpariert und aufbewahrt worden waren. Er veröffentlichte zahlreiche Arbeiten auf dem Gebiet der Neuropathologie. 1968 erhielt er ein eigenes Ludwig-Boltzmann-Institut zur Erforschung der Missbildungen des Nervensystems, wo Teile der ermordeten Personen vom Spiegelgrund bis 2002 bzw. 2012 aufbewahrt wurden.
Als gefragter Gerichtsgutachter traf Gross 1976 unerwartet auf Friedrich Zawrel, der mit zehn Jahren am Spiegelgrund interniert worden war, weil er als „schwererziehbar“ eingestuft wurde. In seinem Gutachten über Zawrel 1976 zitierte Gross aus dessen Akte von 1944. Erst als sich der Arzt Werner Vogt und die Arbeitsgemeinschaft Kritische Medizin des Falls annahmen, kam es 1981 zu einem ersten Einbruch in Gross’ Karriere. Er verlor einen Ehrenbeleidigungsprozess, wobei das Gericht seine Beteiligung an den Kindermorden als erwiesen ansah. Trotzdem sollte es fast 20 Jahre dauern, bis die Staatsanwaltschaft Wien Gross wegen seiner Rolle in der NS-Kindereuthanasie anklagte. Der im März 2000 eröffnete Strafprozess musste jedoch aufgrund eines Gutachtens, das Gross eine „fortgeschrittene vaskuläre Demenz“ attestierte, eingestellt werden. Er verstarb am 15. Dezember 2005 in Hollabrunn.
Weiterführende Links:
https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Heinrich_Gross
https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Am_Spiegelgrund
https://gedenkstaettesteinhof.at/de/interviews/transscript/Friedrich-Zawrel
Wissenschaftliche Literatur:
Herwig Czech, Forschen ohne Skrupel. Die wissenschaftliche Verwertung von Opfern der NS-Psychiatriemorde in Wien, in: Eberhard Gabriel/Wolfgang Neugebauer (Hg.), Von der Zwangssterilisierung zur Ermordung. Zur Geschichte der NS-Euthanasie in Wien, Teil II, Wien 2002, S. 143–163.
Herwig Czech, Selektion und Kontrolle. Der „Spiegelgrund“ als zentrale Institution der Wiener Jugendfürsorge zwischen 1940 und 1945, in: Eberhard Gabriel/Wolfgang Neugebauer (Hg.), Von der Zwangssterilisierung zur Ermordung. Zur Geschichte der NS-Euthanasie in Wien, Teil II, Wien 2002, S. 165–187.
Matthias Dahl, Endstation Spiegelgrund. Die Tötung behinderter Kinder während des Nationalsozialismus am Beispiel einer Kinderfachabteilung in Wien 1940 bis 1945, 2. Aufl., Wien 2004.
Johann Gross, Spiegelgrund. Leben in NS-Erziehungsanstalten, Wien 2000.
Waltraud Häupl, Die ermordeten Kinder vom Spiegelgrund. Gedenkdokumentation für die Opfer der NS-Kindereuthanasie in Wien, Wien 2006.
Oliver Lehmann/Traudl Schmidt, In den Fängen des Dr. Gross. Das misshandelte Leben des Friedrich Zawrel, Wien 2001.
Wolfgang Neugebauer/Peter Schwarz, Der Wille zum aufrechten Gang – Offenlegung der Rolle des BSA bei der gesellschaftlichen Integration ehemaliger Nationalsozialisten, Wien 2005.
Filme:
Spiegelgrund, Regie: Angelika Schuster/Tristan Sindelgruber, Doku, 1:11:00 min, A 2000.
Mein Mörder, Regie: Elisabeth Scharang, Spielfilm, 1:28:00 min, A 2005.
Meine liebe Republik. Dokumentation mit und zu Friedrich Zawrel, Buch und Regie: Elisabeth Scharang/Florian Klenk, A 2006.