Odilo Globočnik (1902–1945)
Leitender Polizist in Lublin, Organisator der Massenmorde im besetzten Polen
Odilo Globočnik wurde am 21. April 1904 als Sohn eines deutschnationalen Postbeamten in Triest/Trst/Trieste, das damals zur Habsburgermonarchie gehörte, geboren. Nach der Übersiedlung der Familie nach Klagenfurt besuchte er dort bis 1923 die Höhere Staatsgewerbeschule. 1922 verlobte er sich mit der Tochter von Emil Michner, der am Kärntner Grenzkonflikt beteiligt gewesen war und ihm zu einer Anstellung als Baustellenleiter in der Kärntner Wasserwirtschafts-AG verhalf. Globočnik war als Jugendlicher selbst im Kärntner Grenzkonflikt politisch aktiv. Seine Mitgliedschaft bei den Burschenschaften Marcomannia und Teutonia in Klagenfurt und beim Kärntner Heimatschutz unterstrichen seine deutschnationale, völkische Gesinnung. 1932 trat er der NSDAP bei. Als Propagandaleiter in der NS-Gewerkschaft warb er Arbeiter*innen in den Betrieben für den Nationalsozialismus an. Nach dem Parteiverbot im Juni 1933 blieb er für die illegale NSDAP tätig. 1934 trat in die SS ein und baute in Kärnten einen Nachrichtendienst auf. Er wurde für diese illegalen Tätigkeiten mehrmals inhaftiert.
Mit Hubert Klausner und Friedrich Rainer gehörte Globočnik zur „Kärntner Gruppe“, die im Februar 1938 die Macht in der zerstrittenen illegalen österreichischen NSDAP übernahm und eine zentrale Rolle beim „Anschluss“ Österreichs an NS-Deutschland spielte. Im Mai 1938 ernannte Adolf Hitler Globočnik zum NSDAP-Gauleiter in Wien, Ende Jänner 1939 wurde er wegen Korruption und Unterschlagung von Parteigeldern bereits wieder aus dem Amt entlassen. Im November 1939 ernannte Heinrich Himmler Globočnik zum SS- und Polizeiführer in Lublin im besetzten Polen und beauftragte ihn als Leiter der Aktion Reinhard(t).
In den Vernichtungslagern Bełżec, Sobibór und Treblinka wurden von März 1942 bis Oktober 1943 rund 1,8 Millionen Jüdinnen und Juden sowie etwa 50.000 Sinti*zze und Rom*nja ermordet. Himmler hatte Globočnik auch die Umsetzung eines sogenannten Generalplans Ost befohlen, der die „Kolonisierung und Germanisierung“ der eroberten Gebiete Osteuropas vorsah. Da sich die Umsiedlungspläne auf sowjetischem Gebiet kriegsbedingt nicht realisieren ließen, sollten die Pläne einer groß angelegten rassistischen Umsiedlung im Gebiet Lublin erprobt werden. Bis Sommer 1943 ließ Globočnik über 110.000 Polinnen und Polen aus dem Kreis Zamość vertreiben, was der lokalen Widerstandsbewegung erheblichen Zulauf bescherte.
Nach seiner Abberufung aus Polen wurde Globočnik im September 1943 als SS- und Polizeiführer in der Operationszone Adriatisches Küstenland, wo er für die Verfolgung, Deportation und Ermordung der italienischen Jüdinnen und Juden sowie Partisan*innen verantwortlich war. Beispielsweise organisierte er die Einrichtung des Polizeihaftlager Risiera di San Sabba für 25.000 Menschen, von denen 5.000 in den KZ-ähnlichen Verhältnissen zu Tode kamen.
Nach dem Ende der NS-Herrschaft im April 1945 kehrte Globočnik nach Kärnten zurück, wo er versuchte, unterzutauchen. Am 31. Mai 1945 wurde er zusammen mit dem ehemaligen Gauleiter von Kärnten Friedrich Rainer von britischen Truppen auf einer Alm nahe Paternion/Špatrjan festgenommen. Nach einem Verhör nahm sich Globočnik mit einer Zyankalikapsel das Leben.
Weiterführende Links:
https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Odilo_Globo%C4%8Dnik
https://www.deutsche-biographie.de/119166631.html#dbocontent
Wissenschaftliche Literatur:
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