Geprägt vom Aufstiegswillen seines katholischen, kleinbürgerlichen Elternhauses trat Kurt Waldheim als Schüler 1933 der neu entstehenden katholischen Verbindung von Gymnasiasten in Tulln bei und wurde nach der Matura 1936 als Einjährig-Freiwilliger Soldat des Österreichischen Bundesheeres – auf Betreiben seines Vaters bei der als elitär geltenden Kavallerie in Stockerau. Sein Reittraining setzte er als Student der Wiener Konsularakademie 1937/38 fort. Im Herbst 1938 wurde diese Reitergruppe in die SA übernommen. Da sein Vater als Funktionär der Dollfuß-Schuschnigg-Diktatur von den Nazis als Gegner gemaßregelt wurde, bot ihm die Zugehörigkeit zur SA die Möglichkeit, sich vordergründig zu arrangieren. Ebenso trat er dem NS-Studentenbund bei. Als Offiziersanwärter war er in die Deutsche Wehrmacht übernommen worden, wurde im August 1938 kurzfristig einberufen und nahm an der Besetzung der Randgebiete der Tschechoslowakei 1938 teil. Nach Abschluss seines Studiums an der Konsularakademie in Wien begann er 1939 das Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Wien, das er 1944 mit dem Doktortitel abschloss – vielfach unterbrochen durch Kriegsdienstleistungen.
Kurz vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs mit dem Überfall auf Polen war er erneut einberufen worden, kam als Leutnant einer Aufklärungseinheit im Frankreichfeldzug 1940 und nach dem Überfall auf die Sowjetunion 1941 an der Ostfront zum Einsatz, wo er schwer verwundet wurde. Nach seiner Genesung 1942 wurde er zur 12. Armee auf den Balkan versetzt, wo er bis zum August 1942 blieb. Diese Einheit ging gegen Partisan*innen und andere Widerstandsgruppen vor – ein Kampf, den NS-Deutschland unter dem Vorwand der „Bandenbekämpfung“ in den besetzten Gebieten brutal unter steter Verletzung des Kriegsrechts führte. Danach als Subalternoffizier zum Generalstab der 12. Armee unter Generaloberst Alexander Löhr nach Saloniki versetzt, bekam er für das Wintersemester 1942/43 Studienurlaub. Der nunmehrige Oberleutnant wurde nach der Rückkehr zur Truppe Verbindungsoffizier zur italienischen 9. Armee in Albanien, danach wiederum zugeteilter Offizier im Generalstab (Athen) und schließlich Ordonanzoffizier im Bereich „Feindaufklärung“. Zu Ende des Weltkriegs machte er den Rückzug über Zagreb bis in den Raum Triest mit und wurde mit 9. Mai 1945 aus der Wehrmacht entlassen.
Spiegelt man seine militärische Laufbahn in den verliehenen Orden (Eisernes Kreuz II., Kriegsverdienstkreuz II. und I. Klasse, Orden der Krone König Zvonimirs in Silber mit Eichenlaub) und seine Verwendungen, wird deutlich, dass er seit seiner Verwundung zunehmend zum “Schreibtischoffizier” wurde, der ohne Befehlsgewalt über tiefe Einblicke in die nationalsozialistische Herrschaftspraxis in den besetzten Gebieten verfügte. Im Gegensatz zu ihm war sein Amtsvorgänger als späterer Bundespräsident, Rudolf Kirchschläger, der klassische Frontkämpfer, der als Hauptmann und Lehroffizier noch im Frühjahr 1945 in einen aussichtlosen Einsatz ging.
Nach Wien heimgekehrt, trat Waldheim in den diplomatischen Dienst. Aufgrund seiner Mitgliedschaften in der SA und im NS-Studentenbund musste er sich einem Entnazifizierungsverfahren stellen, aber dieser etwas holprige Start wurde durch seine Nähe zu Außenminister Gruber abgefangen, der den parteilosen Jungdiplomaten förderte. Waldheim zählte nach seiner Rückkehr aus Kanada, wo er zwischen 1956 und 1960 als Botschafter weilte, mit Rudolf Kirchschläger, Erich Bielka-Karltreu und Hans Thalberg zum engsten Kreis des Außenministers Bruno Kreisky. Dieser trug wesentlich dazu bei, dass Waldheim, wiewohl Außenminister in der ÖVP Alleinregierung, ab 1970 bei der UNO internationale Karriere machte. Als im Bundespräsidentenwahlkampf 1985/86 seine Zugehörigkeit zu NS-Formationen und seine Zeit in der Wehrmacht thematisiert wurden, löste er vor allem durch seine Äußerung, „nur“ seine „Pflicht erfüllt“ zu haben, eine breite Debatte aus. Damit wurde der österreichische Anteil am Nationalsozialismus angesprochen und hinterfragt. Diese überfällige Diskussion war in den 1970er Jahren trotz des Eklats um die Person Friedrich Peters ausgeblieben, da sich die beiden großen Parteien zu diesem Zeitpunkt darin einig waren, diese Debatte zu verschieben, solange die sogenannte „Kriegsgeneration“ noch wahlentscheidend wäre.
Weiterführende Links:
https://hdgoe.at/waldheim_affaere_1986
https://hdgoe.at/puzzle_waldheim
https://hdgoe.at/100x_waldheimat
https://hdgoe.at/europaeisierung_ns-erinnerung
Wissenschaftliche Literatur:
Michael Gehler: "...eine grotesk überzogene Dämonisierung eines Mannes..."? Die Waldheim-Affäre 1986-1992, in: Gehler, Michael / Sickinger, Hubert (Hg.): Politische Affären und Skandale in Österreich. Von Mayerling bis Waldheim. Kulturverlag, Thaur/Wien/München 1996, 614–666. Online verfügbar unter: https://www.demokratiezentrum.org/wp-content/uploads/2021/10/gehlerwaldheim.pdf
Ina Markova: Visualizing Waldheim: Mediale Schlüsselbilder der" Affäre Waldheim". Journal of Austrian Studies (2016): 71-89.
Heidemarie Uhl: "Transformationen des österreichischen Gedächtnisses." Transit 15 (1998): 100-119.
Heidemarie Uhl: "Das „erste Opfer “. Der österreichische Opfermythos und seine Transformationen in der Zweiten Republik." Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft 30.1 (2001): 19-34.
Heidemarie Uhl: "The Politics of Memory: Austria’s Perception of the Second World War and the National Socialist Period." Austrian historical memory and national identity. Routledge, 2017. 64-94.
Heidemarie Uhl: "Schuldgedächtnis und Erinnerungsbegehren. Thesen zur europäischen Erinnerungskultur." theologie. geschichte Beihefte 5 (2012).