Natalie Beer (1903–1987)
Schriftstellerin, Journalistin in Vorarlberg
Die Vorarlberger Schriftstellerin Natalie Beer war nach der Machtübernahme der Nationalsozialist*innen 1938 in der Gauleitung Tirol-Vorarlberg in Innsbruck tätig. 1939 trat sie der NSDAP bei und leitete ab 1942 die Abteilung Presse und Propaganda der der NS-Frauenschaft für Tirol-Vorarlberg. Aufgrund dieser Funktion wird ihr zugeschrieben, einer der ranghöchsten Nationalsozialistinnen in Vorarlberg gewesen zu sein. Sie veröffentlichte Berichte und Erzählungen zur propagandistischen Verbreitung der nationalsozialistischen Ideologie. Während der Zeit publizierte sie auch zwei Romane.
Nach dem Ende des NS-Regimes 1945 erhielt sie Veröffentlichungsverbot, das mit 1947 wieder aufgehoben wurde, als Beer als „minderbelastet“ eingestuft wurde. Sie setzte ihre Publikationstätigkeit fort und veröffentlichte die meisten ihrer Werke im Leopold Stocker Verlag, der vom Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands als rechtsextrem eingestuft wird. Auch für den Eckartboten verfasste sie Gedichte und Kurzprosa – eine Zeitschrift, die nach der Lockerung des NS-Verbotsgesetz 1953 von der Österreichischen Landsmannschaft gegründet wurde. Obwohl ihre Romane und Schriften aus dieser Zeit klar nationalsozialistisches Gedankengut vermitteln, veröffentlichte sie ab 1951 regelmäßig Texte in den Vorarlberger Nachrichten, der auflagenstärksten Zeitung in Vorarlberg, und arbeitete für Radio- und Fernsehsendungen. Zusätzlich zu ihrer eigenen Publikationstätigkeit arbeitet sie auch im Büro der Dornbirner Messe, in dem Hermann Rhomberg, ein ehemaliger hoher Nazifunktionär, mehreren ehemaligen Nationalsozialist*innen eine Karriere ermöglichte.
Das Land Vorarlberg unterstützte Natalie Beer jahrelang durch ein monatliches Stipendium ohne Gegenleistung, daneben erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen von öffentlichen Stellen – etwa 1975 das Silberne Ehrenzeichen des Landes Vorarlberg, 1977 verlieh ihr Bundespräsident Rudolf Kirschläger den Titel „Professor”. In ihrer Heimatgemeinde Rankweil wurde sie 1978 mit einem Ehrenring ausgezeichnet.
Auslöser einer größeren Diskussion über Natalie Beers Einstellung zum Nationalsozialismus war ein Interview, das der Schriftsteller Michael Köhlmeier 1983 mit ihr im ORF Radio Vorarlberg führte. Anlass für das Interview war die Veröffentlichung des Romans Der brennende Dornbusch. Lebenserinnerungen, in dem Beer unter anderem die Jahre in der NS-Frauenschaft als die schönste Zeit ihres Lebens beschreibt. In dem Interview sprach Köhlmeier sie u.a. auf ihre damalige Einstellung zur NS-Rassenideologie an und fragte sie, ob sie dieser immer noch positiv gegenüberstehe. Ihre Antwort darauf war: „Das kann man schon im Grunde sagen, aber nicht zu den Auswüchsen”. Außerdem zweifelte sie die Anzahl der Todesopfer der Shoa an, behauptete, dass sie während der NS-Herrschaft nichts von Konzentrationslagern gewusst hätte und bezeichnet Personen, die sich nach 1945 von der NS-Ideologie abgewendet hatten, als „Verräter”.
Diese Aussagen in dem Interview führten zu einer kritischen Auseinandersetzung mit Natalie Beer und ihrem Werk. Das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes zeigte sie wegen „Verdachts des Vergehens nach §3 Verbotsgesetz” an – die Anzeige wurde vom Landesgericht Feldkirch „geprüft und keine genügenden Gründe gefunden, gegen die Angezeigte ein Strafverfahren zu veranlassen.” Trotzdem wurden sie und ihr Werk weiterhin verehrt. In Rankweil wurde ihr 1994 posthum ein eigenes Museum gewidmet.
Die NS-Sympathie und fehlende Distanzierung der Schriftstellerin wurden ab dem Interview 1983 aber immer wieder aufgegriffen und über möglich Rücknahmen der Ehrungen für Natalie Beer diskutiert. 2021 wurde ihr der Ehrenring der Gemeinde Rankweil aberkannt und das Natalie-Beer-Museum in Rankweil wurde im Sommer 2025 geschlossen. Im Land Vorarlberg wurde 2025 wieder breit über eine Aberkennung des Ehrenzeichens und eine dafür notwendige Gesetzesänderung diskutiert.
Weiterführende Links:
http://biografia.sabiado.at/beer-natalie/
https://vorarlberg.orf.at/stories/3320229/
https://www.felderverein.at/aktuelles/121022/stellungnahme-zu-natalie-beer
Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, Rechtsextremismus in Österreich 2023. Unter Berücksichtigung der Jahre 2020 bis 2022, Wien 2025. Online unter: https://www.parlament.gv.at/dokument/XXVIII/SONS/4/imfname_1666602.pdf
https://www.onb.ac.at/oe-literaturzeitschriften/Eckartbote/Eckartbote.htm
https://lexikon.dornbirn.at/eintrag/rhomberg-hermann
Wissenschaftliche Literatur:
Kurt Bereuter, Ehrenbürgerin von Rankweil etc.: Eine alte Debatte mit Folgen? Natalie Beer und ihre NS-Vergangenheit, die niemals vergangen war, in: KULTUR – Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft, Nr. 4/2021, Mai 2021, S. 60-64. Online unter: https://www.malingesellschaft.at/texte/politische-kultur/kurt-bereuter-ehrenbuergerin-von-rankweil-etc-eine-alte-debatte-mit-folgen-natalie-beer-und-ihre-ns-vergangenheit-die-niemals-vergangen-war
Karin Spiegl, Natalie Beer (1903-1987). Stationen einer Karriere vor dem Hintergrund österreichischer Kulturpolitik vor und nach 1945, Magisterarbeit, Universität Wien, 2010
https://utheses.univie.ac.at/detail/11644
Meinrad Pichler, Natalie Beer (1903–1987) – „Ich kann nicht sagen, dass ich mich irgendwie gewandelt hätte.“, in: Meinrad Pichler, Rankweil 1938–1945. Eine Gemeinde im Nationalsozialismus, Rankweil 2025, S. 160–170. Online unter: https://www.malingesellschaft.at/texte/politische-kultur/meinrad-pichler-2025-natalie-beer-1903-1987-ich-kann-nicht-sagen-dass-ich-mich-irgendwie-gewandelt-haette
Roger Vorderegger: Ein Interview und die Folgen oder: das Besondere ist das Allgemeine, in: Jahrbuch Franz-Michael-Felder-Archiv 2016, S. 157–190.
Harald Walser, „… nicht die Letzten?“ Der „Fall Beer“ und die Vorarlberger Kulturpolitik, in: Allmende 9/1984, S. 169–174. Online unter: https://www.malingesellschaft.at/texte/politische-kultur/harald-walser-1984-...-nicht-die-letzten-der-fall-beer-und-die-vorarlberger-kulturpolitik