Erich Rajakowitsch (Raja) (1905–1988)
Leitender Polizist in Den Haag
Erich Rajakowitsch wurde am 23. November 1905 als Sohn eines Gymnasiallehrers in Triest/Trst/Trieste geboren, das damals in der Habsburgermonarchie lag. Die Familie migrierte nach dem Ersten Weltkrieg nach Graz, nach der Matura studierte Rajakowitsch an der Universität Graz Rechtswissenschaft und erwarb im Jahr 1931 seinen Doktortitel. Als Student war er im deutschvölkischen, antisemitischen Akademischen Corps Teutonia zu Graz aktiv. Nach dem Gerichtsjahr arbeitete er zunächst als Konzipient in einer Grazer Rechtsanwaltskanzlei, ab 1938 in der Wiener Kanzlei des Rechtsanwalts Heinrich Gallop. Er heiratete Anna Maria Rintelen, Tochter des ehemaligen christlichsozialen steirischen Landeshauptmanns und Ex-Unterrichtsministers Anton Rintelen, der der illegalen österreichischen NSDAP nahestand und beim gescheiterten „Juliputsch“ 1934 zum Bundeskanzler ausgerufen wurde.
Nach der NS-Machtübernahme in Österreich im März 1938 trat Rajakowitsch der NSDAP und 1939 der SS bei. Vor dem Hintergrund der Verfolgung und Vertreibung der jüdischen Bevölkerung entwickelten er und Heinrich Gallop ein einträgliches Geschäftsmodell, bei dem wohlhabende jüdische Klient*innen ihr Vermögen der Rechtsanwaltskanzlei Gallop übertragen mussten, um im Gegenzug ausreisen zu können. Rajakowitsch war auch in die Aktion Gildemeester involviert. Diese „Auswanderungshilfsaktion“ zielte auf vermögende Personen ab, die als jüdisch verfolgt wurden, aber nicht der jüdischen Religion angehörten. Sie mussten ihr Vermögen dem Deutschen Reich überlassen, wovon 5 Prozent in einen Auswanderungsfonds flossen. Dieser sollte angeblich mittellose Jüdinnen und Juden bei der Emigration unterstützen. Als Verantwortlicher für die organisierte Beraubung arbeitete Rajakowitsch eng mit der Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Wien zusammen, wodurch er deren Leiter Adolf Eichmann kennenlernte. Auf dessen Anweisung hin richtete er auch bei der Prager Zentralstelle einen Auswanderungsfonds ein. Danach wurde er vorübergehend als SS-Bewacher im Lager Zarzecze eingesetzt, wo im Oktober 1939 1.500 jüdische deportierte Männer aus Wien eintrafen. Rajakowitsch war ab Frühjahr 1940 juristischer Berater von Adolf Eichmann in Berlin. Ab April 1941 baute er als Vertreter des Eichmann-Referats die Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Amsterdam auf. Ab August 1941 war er in Den Haag für die Deportation der jüdischen Bevölkerung in die Konzentrations- und Vernichtungslager beteiligt. Ende 1943 trat er der Waffen-SS bei und kam zum Kriegseinsatz an die „Ostfront“.
Nach Kriegsende floh er aus der US-amerikanischen Kriegsgefangenschaft und tauchte unter. 1951 flüchtete er nach Buenos Aires, kehrte später nach Österreich zurück und ließ sich als „Erich Raja“ einen Pass ausstellen. In den 1950er Jahren begann er eine Karriere als Unternehmer in Mailand bei der Im- und Exportfirma Enneri & Company, die eine wichtige Rolle im Handel mit staatssozialistischen Diktaturen jenseits des Eisernen Vorhangs spielte. 1959 versuchte ihn die CIA vergeblich für eine geheimdienstliche Tätigkeit in der DDR und China anzuwerben. Aufgrund von Nachforschungen Simon Wiesenthals wurde er im Zusammenhang mit der Deportation französischer und niederländischer Jüdinnen und Juden angeklagt. Im März 1965 wurde Rajakowitsch vom Wiener Landesgericht aus Mangel an Beweisen nur wegen „boshafter Sachbeschädigung“ zu zweieinhalb Jahren schweren Kerkers verurteilt. Nach seiner Haftentlassung veröffentlichte er 1966 einen Angriff auf Simon Wiesenthal in Buchform mit dem Titel Kopfjagd auf Rajakowitsch, die den Auftakt zu mehreren Versuchen bildete, sich zu rechtfertigen. Trotz eines niederländischen Haftbefehls wegen der Beteiligung an der Verfolgung von holländischen Jüdinnen und Juden lieferte Österreich Rajakowitsch nicht aus. Er starb am 14. April 1988 in Graz.
Weiterführende Links:
https://www.spiegel.de/politik/moment-herr-richter-a-1bd32a39-0002-0001-0000-000046169740
Der Schreibtischtäter – Der Österreicher Dr. Erich Rajakowitsch war 1942 maßgeblich an der Deportation von niederländischen Juden nach Auschwitz beteiligt: https://www.derstandard.at/story/984330/der-schreibtischtaeter
https://www.nachkriegsjustiz.at/prozesse/geschworeneng/35prozesse56_04.php#rajakowitsch
Wissenschaftliche Literatur:
Gabriele Anderl / Dirk Rupnow / Alexandra-Eileen Wenck, Die Zentralstelle für Jüdische Auswanderung als Beraubungsinstitution, Wien 2004 (= Veröffentlichungen der Österreichischen Historikerkommission; Bd. 20/1).
Bernhard Blank, „Gefährdung von Menschenleben durch den Eisenbahntransport nach Auschwitz“. Die österreichische Justiz und die Geschworenenprozesse gegen die Eichmann-Gehilfen Franz Novak und Erich Rajakowitsch von 1961 bis 1987, Dipl.-Arb., Wien 2010.
Anna Hájková, The Making of a Zentralstelle. Die Eichamann-Männer, in: Jaroslava Milotová / Ulf Rathgeber / Michael Wögerbauer (Hg.), Theresienstädter Studien und Dokumente, 2003, S. 353–381.
Ernst Klee, Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945, Frankfurt/Main 2007, S. 477.
Christina Kleiser, Wertschätzung vor Gericht: Der Wiener Strafprozesses gegen den NS-Täter Erich Raja (vormals Rajakowitsch), in: Kritische Justiz, Jg. 46, H. 3 (2013), S. 257–265.
Stephan Rutkowski, Ein Anwalt aus Graz, Seminararbeit/Zeitgeschichte, Wien 2002 (DÖW).
Hans Safrian, Eichmann und seine Gehilfen, Frankfurt/Main 1997, S. 35 f., S. 78, S. 89, S. 95.
Theodor Venus / Alexandra-Eileen Wenck, Die Entziehung jüdischen Vermögens im Rahmen der Aktion Gildemeester. Eine empirische Studie über Organisation, Form und Wandel von „Arisierung“ und jüdische Auswanderung in Österreich 1938–1941, Wien 2004 (= Veröffentlichungen der Österreichischen Historikerkommission; Bd. 20/2), S. 120–130.
Simon Wiesenthal, Doch die Mörder leben. Herausgegeben und eingeleitet von Joseph Wechselberg. Droemer/Knaur, München–Zürich 1967, S. 245–260.