Friedrich Peter (1921–2005)
Leiter einer Mord-Einheit in der besetzten Ukraine und in Belarus
Friedrich Peter wurde am 13.7.1921 in Attnang-Puchheim in Niederösterreich geboren. Er meldete sich im November 1939 freiwillig zur deutschen Wehrmacht und trat kurz darauf der Waffen-SS bei. Peter stieg zum Offizier in einer SS-Einheit auf, der 5. Kompanie des 10. Regiments der 1. SS-Infanterie-Brigade (motorisiert). Diese verübte während des Zweiten Weltkriegs zahlreiche Kriegsverbrechen – im Umfeld des Überfalls auf die Sowjetunion ermordete sie rund 10.000 Zivilist*innen, darunter 8.000 Menschen, die als „jüdisch“ eingestuft wurden.
Nach dem Ende der NS-Herrschaft wurde Peter in einem Gefangenenlager für NSDAP-Funktionäre in Glasenbach bei Salzburg festgehalten, das vom US-amerikanischen Militär verwaltet wurde. Bald nach seiner Freilassung 1947 begann er sich politisch zu engagieren. Seine bundesweite Karriere begann in der 1956 von ihm mitgegründeten Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ), wo sich vergleichsweise viele ehemalige Nationalsozialist*innen und andere Deutschnationale versammelten. Von 1966 bis 1986 war er Abgeordneter zum Nationalrat, von 1970 bis 1986 Klubobmann der FPÖ im Nationalrat. Von 1958 bis 1978 war er der Parteiobmann der FPÖ.
Peter war nur einer von vielen ehemaligen Nationalsozialist*innen, die in der Zweiten Republik einflussreich geworden waren, aber er zählte zu den prominentesten Politikern, die unmittelbar in Kriegsverbrechen verstrickt gewesen waren. Nach der Nationalratswahl 1975 kamen diese an die Öffentlichkeit. Davor war im Raum gestanden, dass die SPÖ unter Bruno Kreisky eine Koalition mit der FPÖ eingehen könnte. Damit wäre Friedrich Peter als deren Parteiobmann die logische Wahl für den Vizekanzler geworden. Simon Wiesenthal, Leiter des Dokumentationszentrums des Bundes Jüdischer Verfolgter des Naziregimes, hatte einen Bericht über die SS-Vergangenheit Peters erstellt und diesen noch vor der Wahl an den Bundespräsident Rudolf Kirchschläger übergeben – nicht aber an die Öffentlichkeit. Der Bundespräsident wäre für die Angelobung einer allfälligen SPÖ/FPÖ-Regierung zuständig gewesen. Es kam schließlich nicht dazu, weil die SPÖ bei der Wahl ihre absolute Mehrheit knapp hielt.
Daraufhin veröffentlichte Wiesenthal – eben nach der Wahl – den Bericht, der Friedrich Peter als ehemaligen SS-Obersturmführer identifizierte und die Verantwortung seiner Einheit für die Ermordung von zigtausenden Menschen ansprach. Er entgegnete damit den Leerstellen und Beschönigungen in Peters offiziellem Lebenslauf und formulierte, dass er nicht ausschließen könne, dass der Spitzenpolitiker unmittelbar an NS-Verbrechen mitgewirkt habe und dass Peter jedenfalls von Massenverbrechen wissen musste und NS-Auszeichnungen erhalten hatte. Gleichzeitig betonte er, dass das Material, über das er verfügte, „noch nicht“ für eine gerichtliche Auseinandersetzung genüge.
Anstatt die Vergangenheit Friedrich Peters und seine Verantwortung für Kriegsverbrechen zu diskutieren, attackierten Politik und Medien in der Folge jedoch Wiesenthal als Aufdecker. Dabei griff auch der Bundeskanzler Bruno Kreisky – der selbst als NS-Verfolgter flüchten hatte müssen – Wiesenthal an und stellte ihn als Kriminellen dar. Bis heute ist auch in der Geschichtsschreibung häufig von der Kreisky-Peter-Wiesenthal-Affäre die Rede, während Wiesenthal selbst am Deckblatt seines Berichtes über Peter schon vorsorglich hingewiesen hatte, dass es sich um eine Affäre Peter handelte, die nicht zur Affäre Wiesenthal gemacht werden dürfe. In der Auseinandersetzung zwischen Kreisky und Wiesenthal geriet Friedrich Peter aber zunehmend in den Hintergrund. Wiesenthal hingegen wurde zum Ziel antisemitischer Anschuldigungen von unterschiedlichsten Seiten, die auch in der öffentlichen Berichterstattung von großen Zeitungen und dem ORF noch verstärkt wurden, während nur wenige Gegenstimmen Solidarität mit dem Aufdecker von NS-Verbrechen bekundeten.
Peter blieb noch bis 1978 Partei- und bis 1986 Klubobmann der FPÖ. Er gilt als einer der entscheidenden Personen, die im Hintergrund die Koalition zwischen der SPÖ und der FPÖ 1983 geschmiedet hatten. Öffentliche Proteste richteten sich in diesem Jahr dagegen, dass Peter dritter Nationalratspräsidenten werden sollte, wofür er schließlich nicht kandidierte. Nachdem Jörg Haider den Konflikt um die Ausrichtung der FPÖ 1986 mit einer Kampfabstimmung um den Parteivorsitz gewonnen hatte, war die Karriere Friedrich Peters zu Ende. Peter war für einen liberaleren Kurs eingestanden, den Haider gegen einen aggressiveren, populistischen Stil und eine offen nationalistische Ideologie tauschte. 1992 trat Friedrich Peter schließlich sogar in öffentlichem Protest aus der von ihm mitgegründeten Partei aus, nachdem Haider in einer Rede vor dem Kärntner Landtag lobende Worte über die NS-Herrschaft verwendet hatte. In den Medien wurde er mit einer Mahnung an Haiders „staatspolitische Verantwortung“ zitiert. Darin zeigt sich Peters zentraler Anspruch, die FPÖ nach außen hin als liberale Partei zu führen und ihren Ruf nicht durch offensichtliche Übernahme von NS-Rhetorik zu beschädigen. Peter verstarb 2005 in Wien, seine Rolle in NS-Kriegsverbrechen wurde nie gerichtlich geklärt, weil er nie angeklagt wurde.
Weiterführende Links:
https://hdgoe.at/kreisky-peter-wiesenthal
https://www.demokratiezentrum.org/ressourcen/lexikon/peter-friedrich/
https://www.uibk.ac.at/de/newsroom/2019/das-dritte-lager-nach-1945/
https://www.parlament.gv.at/person/1184
https://www.wiesenthalpreis.at/ueber-simon-wiesenthal
https://www.profil.at/home/im-kampf-wiesenthal-kreisky-idol-rechtsradikalen-277843
https://www.derstandard.at/story/2180166/hintergrund-kreisky-wiesenthal-affaere
https://www.diepresse.com/592126/kreisky-wiesenthal-wochen-der-besessenheit
Wissenschaftliche Literatur:
Bauer, Kurt, Waren Österreicher unter nationalsozialistischen Tätern überrepräsentiert?: Versuch einer Synthese, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 72/4 (2024), 687–721. https://doi.org/10.1515/vfzg-2024-0038
Böhler, Ingrid, „Wenn die Juden ein Volk sind, so ist es ein mieses Volk.“. Die Kreisky-Peter-Wiesenthal-Affäre 1975, in: Gehler, Michael / Sickinger, Hubert (Hg.): Politische Affären und Skandale in Österreich. Von Mayerling bis Waldheim. Thaur/Wien/München 1996, 502–531. Hier online lesen: https://www.demokratiezentrum.org/wp-content/uploads/2022/10/boehler_kreisky.pdf
Markova, Ina, Visualizing Waldheim: Mediale Schlüsselbilder der ‚Affäre Waldheim.‘, in: Journal of Austrian Studies 49/1–2 (2016), 71–89. http://www.jstor.org/stable/44685503
Reiter, Margit. Die Ehemaligen: der Nationalsozialismus und die Anfänge der FPÖ, 2019.
Reiter, Margit, Anton Reinthaller und die Anfänge der Freiheitlichen Partei Österreichs. Der politische Werdegang eines Nationalsozialisten und die „Ehemaligen“ in der Zweiten Republik, in Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 4/66 (2018), 539–575. Hier online lesen: https://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/2018_4_1_reiter.pdf
Wiesenthal, Simon: Dossier „Friedrich Peter, geb. 13.7.1921 in Attnang-Puchheim“, hg. vom Dokumentationszentrum des Bundes jüdischer Verfolgter des Naziregimes, 9.10.1975, Archiv des Vienna Wiesenthal Instituts