Anna Katschenka, geboren am 3. April 1905 in Wien, wuchs in einer sozialdemokratisch geprägten Familie auf. Ihr Vater Otto war Buchdrucker und Schriftsetzer, ihre Mutter Anna Hausfrau. 1923 begann sie als Kinderpflegerin für Einrichtungen der Stadt Wien zu arbeiten. Von 1924 bis 1927 ließ sie sich zur Krankenschwester ausbilden, im Krankenhaus der Stadt Wien Lainz. Dort galt sie als eine der besten Schülerinnen ihres Jahrgangs. Als ausgebildete Krankenpflegerin war sie zuerst im Entbindungsheim Brigittaspital tätig, danach im Karolinen-Kinderspitals und im bis 1941 im Versorgungsheim Lainz, der zentralen Betreuungseinrichtung der Stadt Wien für alte, kranke und pflegebedürftige Menschen. 1929 ging sie eine Ehe mit einem jüdischen Mann ein, ließ sich jedoch im darauffolgenden Jahr wieder scheiden.
Im Jänner 1941 wechselte Katschenka als Stationsschwester in die Wiener Städtischen Jugendfürsorgeanstalt am Spiegelgrund, die unter der Leitung von Erwin Jekelius stand. Diese Anstalt wurde am Steinhof eingerichtet, nachdem 3.200 dortige Patient*innen in der Tötungsanstalt Hartheim ermordet worden waren. Am Spiegelgrund war auch eine Kinderfachabteilung (Pavillon 15 und 17) eingerichtet, in der Kinder massenhaft ermordet wurden. Als diese 1942 eine selbstständige Einrichtung wurde, stieg Katschenka zur stellvertretenden Oberschwester auf und blieb in dieser Position bis zum April 1945.
Kurz nach ihrer Anstellung ließ Jekelius Katschenka in seine Ordination rufen, erinnerte sie an ihren Diensteid und ihre Pflicht zur Geheimhaltung und weihte sie in das „Euthanasie-Programm“ ein. Seit August 1939 verpflichtete ein geheimer Runderlass Ärzt*innen und Hebammen zur Meldung aller Fälle von „Idiotie“ und verschiedenen Missbildungen an die Gesundheitsämter. Diese veranlassten die Einweisung der Betroffenen in sogenannte Kinderfachabteilungen, wie jene Am Spiegelgrund. Von dort an wirkte Katschenka an der Selektion und Ermordung jener Kinder mit, die als „unheilbar“ oder „bildungs- bzw. arbeitsunfähig“ eingestuft wurden.
Die ausgewählten Kinder wurden von den Ärzt*innen an eine Tarnorganisation in der Kanzlei des Führers in Berlin gemeldet. Dort entschieden drei Gutachter über das Schicksal der Kinder. War auf diesem Weg eine Tötungsermächtigung Am Spiegelgrund eingelangt, konnte mit der Ermordung der Kinder begonnen werden – Anna Katschenka gab später an, dass sie jeweils Tötungsbefehle von den Ärzt*innen erhalten hatte. Den Kindern wurden daraufhin hochdosierte Schlafmittel langsam verabreicht, bis sie an einer Lungenentzündung oder anderen Infektionskrankheit starben. Auf diese Weise konnten die Morde als natürliche Todesfälle verschleiert werden.
Im Juli 1946 wurde Katschenka im Verfahren gegen die Spiegelgrund-Ärzt*innen Ernst Illing, Marianne Türk und Margarethe Hübsch vor dem Volksgericht Wien als Zeugin einvernommen. Noch im Gerichtssaal wurde sie wegen falscher Zeugenaussage festgenommen. Sie wurde wegen Totschlags und im April 1948 zu acht Jahren schweren Kerkers verurteilt, jedoch bereits 1950 vorzeitig aus der Haft entlassen. Danach arbeitete sie als Krankenschwester im St. Anna Kinderspital in Wien. Katschenka starb am 3. Januar 1980 in Wien und wurde auf dem Friedhof der Feuerhalle Simmering bestattet.
Weiterführende Links:
https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Am_Spiegelgrund
http://biografia.sabiado.at/katschenka-anna/
https://gedenkstaettesteinhof.at
Wissenschaftliche Literatur:
Herwig Czech, Erfassung, Selektion und „Ausmerze“. Das Wiener Gesundheitsamt und die Umsetzung der nationalsozialistischen „Erbgesundheitspolitik“ 1938 bis 1945, Wien 2003.
Herwig Czech, Der Spiegelgrund-Komplex. Kinderheilkunde, Heilpädagogik, Psychiatrie und Jugendfürsorge im Nationalsozialismus, in: Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften 25 (2014), Nr. 1-2, S. 194–219.
Herwig Czech / Wolfgang Neugebauer / Peter Schwarz, Der Krieg gegen die „Minderwertigen“. Zur Geschichte der NS-Medizin in Wien. Katalog zur Ausstellung in der Gedenkstätte Steinhof im Otto-Wagner-Spital der Stadt Wien, Wien 2018.
Matthias Dahl, Endstation Spiegelgrund. Die Tötung behinderter Kinder während des Nationalsozialismus am Beispiel einer Kinderfachabteilung in Wien 1940 bis 1945, Wien 1998.
Karin Anna Ertl, NS-Euthanasie in Wien, Dipl.-Arb., Wien 2012.
Gerhard Fürstler / Peter Malina, „Ich tat nur meinen Dienst“. Zur Geschichte der Krankenpflege in Österreich, Wien 2004.
Wolfgang Neugebauer, Die Klinik „Am Spiegelgrund“ 1940–1945 – Eine Kinderfachabteilung im Rahmen der NS-„Euthanasie“, in: Studien zur Wiener Geschichte. Jahrbuch des Vereins für Geschichte der Stadt Wien 1996/1997, S. 289–305.