Erwin Jekelius wurde am 5. Juni 1905 in Sibiu/Hermannstadt/Nagyszeben im heutigen Rumänien geboren. Er besuchte das Evangelisch-Deutsche Gymnasium in seiner Geburtsstadt und studierte ab 1924 Medizin an der Universität Wien. Bereits während des Studiums hospitierte er im Allgemeinen Krankenhaus. 1931 schloss er das Studium mit der Promotion ab. Er wurde Mitglied der Wiener Gesellschaft für Rassenhygiene, einer frühen nationalsozialistischen Tarnorganisation, die sich der Verbreitung von eugenisch-rassenhygienischem Gedankengut auf akademischen Boden widmete. 1933–1936 arbeitete er als Hilfsarzt an der Heilpädagogischen Station der Wiener Universitäts-Kinderklinik unter Professor Franz Hamburger, der wie Jekelius ein illegaler Nationalsozialist war. Durch Intervention des evangelischen Oberkirchenrats wurde er 1936 Arzt an der Trinkerheilstätte Steinhof.
Nach der NS-Machtübernahme in Österreich 1938 trat er offiziell der NSDAP und SA bei und wurde SA-Arzt. Ab November 1938 leitete er kommissarisch die Ambulanz für Nervenkranke der Arbeiterkrankenversicherungskasse und erhielt Anfang 1939 die Leitung der Trinkerheilstätte Steinhof und zusätzlich im Juni 1940 die Leitung des Referats „Fürsorge für Nerven-, Gemütskranke und Süchtige“ im Hauptgesundheitsamt Wien. 1940/1941 begann die von der Zentraldienststelle in Berlin organisierte Aktion T4, für die Jekelius nicht nur als Gutachter, sondern als lokaler Beauftragter eine zentrale Rolle einnahm. Er koordinierte alle beteiligten Behörden und die Deportationen tausender Patient*innen aus den Heil- und Pflegeanstalten Steinhof, Ybbs und Gugging in die Tötungsanstalt Hartheim. Im Juli 1940 wurde er überdies zum Direktor der Wiener städtischen Jugendfürsorgeanstalt Am Spiegelgrund bestellt, die in den durch die Aktion T4 leergemordeten Pavillons der Anstalt Steinhof eingerichtet wurde. Die in den Pavillons 15 und 17 untergebrachte Kinderfachabteilung mutierte unter seiner Leitung zu einem Zentrum der NS-Kindereuthanasie, in deren Rahmen 789 Kinder ermordet wurden – durch überdosierte Schlafmittel, Mangelernährung, Vernachlässigung oder Unterkühlung.
Anfang 1942 wurde Jekelius als Direktor der Jugendfürsorgeanstalt Am Spiegelgrund abgelöst und zur Wehrmacht eingezogen. Hauptsächlicher Grund dafür war seine intime Beziehung mit Paula Hitler, der Schwester Adolf Hitlers, die er 1940 im Rahmen seiner Arbeit Am Steinhof kennengelernt hatte. Paula Hitler hatte ihn aufgesucht, um ihre Verwandte Aloisia Veit, Hitlers psychisch kranke Großcousine und langjährige Patientin in der Anstalt Steinhof, vor der drohenden Ermordung im Zuge der Aktion T4 zu bewahren. Ihre Bemühungen scheiterten, Aloisia Veit wurde im Dezember 1940 in der Gaskammer der Tötungsanstalt Hartheim ermordet. Zwischen Jekelius und Paula Hitler entwickelte sich indes eine Beziehung, sie verlobten sich und wollten heiraten, was Hitler jedoch verhinderte. Paula Hitler musste die Beziehung beenden, Jekelius wurde Soldat an der Ostfront, wo er angeblich als Truppenarzt in mehreren Militärlazaretten eingesetzt war. Zu seinem Nachfolger Am Spiegelgrund wurde im Juli 1942 Ernst Illing bestellt.
Von August bis November 1943 und ab Juli 1944 war Jekelius Chefarzt in der neurologischen Abteilung des Altersheims Wien-Lainz. Im Mai 1945 wurde er von der sowjetischen Armee in seiner Wiener Wohnung verhaftet. Ein Militärgericht in Moskau verurteilte ihn im Oktober 1948 wegen Beteiligung an der „Tötung geisteskranker Kinder“ und der „Massenvernichtung“ im Rahmen der Aktion T4 zu 25 Jahren Haft. Er starb am 8. Juli 1952 im Wladimirski-Gefängnis des sowjetischen Innenministeriums an Blasenkrebs.
Weiterführende Links:
https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Am_Spiegelgrund
https://gedenkstaettesteinhof.at
Wissenschaftliche Literatur:
Herwig Czech, Erfassung, Selektion und „Ausmerze“. Das Wiener Gesundheitsamt und die Umsetzung der nationalsozialistischen „Erbgesundheitspolitik“ 1938 bis 1945, Wien 2003.
Herwig Czech, Der Spiegelgrund-Komplex. Kinderheilkunde, Heilpädagogik, Psychiatrie und Jugendfürsorge im Nationalsozialismus, in: Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften 25 (2014), Nr. 1-2, S. 194–219.
Herwig Czech / Wolfgang Neugebauer / Peter Schwarz, Der Krieg gegen die „Minderwertigen“. Zur Geschichte der NS-Medizin in Wien. Katalog zur Ausstellung in der Gedenkstätte Steinhof im Otto-Wagner-Spital der Stadt Wien, Wien 2018.
Herwig Czech, Von der „Aktion T4“ zur „dezentralen Euthanasie“. Die niederösterreichischen Heil- und Pflegeanstalten Gugging, Mauer-Öhling und Ybbs, in: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Hg.), Fanatiker, Pflichterfüller, Widerständige. Reichsgaue Niederdonau, Groß-Wien, Wien 2016 (= Jahrbuch 2016), S. 219–266.
Matthias Dahl, Endstation Spiegelgrund. Die Tötung behinderter Kinder während des Nationalsozialismus am Beispiel einer Kinderfachabteilung in Wien 1940 bis 1945, Wien 1998.
Karin Anna Ertl, NS-Euthanasie in Wien, Dipl.-Arb., Wien 2012.
Gerhard Fürstler / Peter Malina, „Ich tat nur meinen Dienst“. Zur Geschichte der Krankenpflege in Österreich, Wien 2004.
Wolfgang Neugebauer, Die Klinik „Am Spiegelgrund“ 1940–1945 – Eine Kinderfachabteilung im Rahmen der NS-„Euthanasie“, in: Studien zur Wiener Geschichte. Jahrbuch des Vereins für Geschichte der Stadt Wien 1996/1997, S. 289–305.