Anton Anderluh (1896–1975)
Volksliedsammler und Lehrer in Klagenfurt
Anderluh Anton (Tono) wurde in Klagenfurt am 11. 3. 1896 geboren, wo er am 3. 1. 1975 gestorben ist. Anderluh war Sängerknabe im Klagenfurter Domchor und erhielt früh Klavierunterricht an der Musikvereinsschule (heute Gustav Mahler Privatuniversität für Musik). 1914 maturierte er an der Lehrerbildungsanstalt in Klagenfurt, danach leistete er bis 1919 Wehrdienst und nahm am Kärntner Grenzkonflikt teil. Die Bekanntschaft mit Anton (von) Webern 1916 bestärkte ihn in seinem Wunsch, Musiker zu werden. Von 1919 bis zu seiner Pensionierung 1961 war er als Lehrer tätig, erst im Lavanttal (Bad St. Leonhard, St. Ulrich an der Goding und Wolfsberg), später an der Lehrerbildungsanstalt in Klagenfurt (Musikprofessor, 1938–45 Direktor) sowie an verschiedenen Schulen in Klagenfurt. 1922 legte Anderluh die Staatsprüfung für Violine, 1923 für Gesang und Orgel an der Akademie (heute Universität) für Musik und darstellende Kunst in Wien ab.
Neben seinem Lehrberuf entfaltete Anderluh bald eine reiche musikalische Tätigkeit: 1924 initiierte er das erste Kärntner Lehrerquintett, ab 1927 war er Bratschist im Klagenfurter Streichquartett und ab 1928 leitete er 18-mal die Instrumental-Spielmusik bei den von Helmuth Pommer, dem Sohn Josef Pommers, gegründeten Singwochen der Singgemeinschaften am deutschen Volkslied auf der Wülzburg in Bayern, 1951–54 ebenso im Tiroler Rotholz, wobei er immer auch Kärntnerlieder vermittelte. 1935–38 war Anderluh Musikrezensent der Klagenfurter Zeitung, zeitgleich Singleiter der Kärntner Volkskunstwoche (1938: „Kraft-durch-Freude“-Schulungswoche) in der landwirtschaftlichen Fachschule im Kärntner Schloss Drauhofen sowie 1936 an der landwirtschaftlichen Fachschule am Litzlhof.
Anderluh, der ab Oktober 1936 Mitglied des Nationalsozialistischen Lehrerbunds (NSLB) und ab Mai 1938 der NSDAP war, leistete 1939/40 Kriegsdienst. Er hatte mehrere Funktionen innerhalb nationalsozialistischer Kultur- und politischer Organisationen inne: 1939–45 Landesleiter der Reichsmusikkammer Gau Kärnten, ab 1942 Präsident des Musikvereins Kärnten, 1942–43 Hauptgefolgschaftsführer, von Juli 1943 bis April 1945 dann Stammführer der Hitlerjugend und von Jänner bis Juli 1944 Kreispropagandaleiter in Klagenfurt, zudem Beauftragter des Gauleiters für das Kärntner Musikschulwerk und Leiter der Gebietssingschar der Hitlerjugend, die unter ihm den 1. Musikpreis des Gauleiters erhielt.
Nach dem Krieg war er in Gefangenschaft im Lager, das die britische Verwaltung für Vertreter der NS-Herrschaft und Kriegsverbrecher in Wolfsberg eingerichtet hatte. 1952 gründete Anderluh gemeinsam mit Franz Koschier die Kärntner Singwoche (auch „Anderluh-Singwoche“) am Turnersee im nachmaligen Karl-Hönck-Heim (heute „Naturquartier Turnersee“), die er bis 1967 leitete. Gemeinsam mit der Sängerin Maria Weutz rief Anderluh zudem 1955 die Konzertvereinigung Mozartgemeinde Klagenfurt ins Leben, die er 1958–62 leitete. 1961 wurde er pensioniert.
Anderluh war ein begeisterter Sammler, Forscher und Pfleger des Kärntner Volkslieds: Ab Juli 1925 für den Arbeitsausschuss für das deutsche Volkslied in Kärnten des Österreichischen Volksliedunternehmens tätig, leitete er ab 1938 den daraus hervorgegangenen Gauausschuss für Volksmusik und war schließlich 1958–74 Vorsitzender des Kärntner Arbeitsausschusses des Österreichischen Volksliedwerks (heute Kärntner Volksliedwerk). Er veröffentlichte zahlreiche (Kärntner) Volkslieder in mehrstimmigen volkstümlichen Sätzen, wobei er Frauenstimmen miteinbezog und so das gemischte Singen initiierte und förderte. Sein Hauptwerk ist die nach Gattungen geordnete Repräsentativausgabe Kärntens Volksliedschatz, die bis heute größte regionale Volkslied-Edition Österreichs mit rund 4.000 Lied- und Textaufzeichnungen samt Varianten, die 1960–74 in 12 Bänden erschien, posthum von Gerda Anderluh und Walter Deutsch fortgesetzt wurde und einen Registerband erhielt (insgesamt 16 Bände).
Anderluh war nicht nur ein engagierter Lehrer, er wirkte tatkräftig im gemischten Chorwesen, im gemischten Quartett- und Quintettgesang sowie in der Herausgabe von Volksliedsammlungen für Praxis und Wissenschaft, und das weit über Kärnten hinaus. Er brachte viele Liederhefte und -bücher heraus, darunter an die 50 für Schulen, veranstaltete Konzerte, initiierte und leitete (geistliche) Volksschauspiele, hielt volkskulturkundliche und musikgeschichtliche Vorträge, publizierte Aufsätze und verbreitete das Volkslied auch über die Offenen Singen, Singwochen(enden) und Rundfunkbeiträge.
Ingeborg Bachmann erwähnt Anderluh in ihrem Kriegstagebuch als nationalsozialistischen Fanatiker. Von der Republik 1950 als minderbelastet amnestiert, wurde er 2007 von einer Fachkommission für die Klagenfurter Straßen- und Plätzenamen als „über das gewöhnliche ‚Mitläufertum’ und gesellschaftsimmanenten Opportunismus hinausgehend mit dem Schreckensregime des Nationalsozialismus verbunden“ eingestuft; die Umbenennung der Klagenfurter Anderluhstraße wurde damals jedoch für nicht zwingend erachtet. Anderluh war korrespondierendes Mitglied des Vereins für Volkskunde in Wien sowie Ehrenmitglied der Kärntner Landsmannschaft. Er erhielt 1966 die Raimund-Zoder-Medaille, 1969 das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich sowie den Professorentitel. Weiters wurde er mit der Medaille für Verdienste in Gold des Landestrachtenverbands, der Silbernen und Goldenen Verdienstmedaille des Kärntner Sängerbunds, dem Goldenen Ehrenzeichen für Verdienste um die Volksbildung des Kärntner Bildungswerks sowie der Goldenen Medaille der Landeshauptstadt Klagenfurt ausgezeichnet. An seinem Geburtshaus in der Klagenfurter Pernhartgasse Nr. 4 wurde 1996 eine Gedenktafel angebracht. Nach ihm ist ferner der Anton-Anderluh-Weg in Villach sowie jener in Maria Rain benannt. Seit 1983 wird die Anton-Anderluh-Plakette für besondere Verdienste um die Erhaltung und Pflege des Kärntner Volkslieds vergeben.
Wissenschaftliche Literatur:
Gerlinde Haid/Barbara Boisits/Maria Streit, Art. „Anderluh, Anton“, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, begr. von Rudolf Flotzinger, hg. von Barbara Boisits (letzte inhaltliche Änderung: 13.1.2016, abgerufen am 3.1.2026), https://dx.doi.org/10.1553/0x0001f6e4
Kraft durch Freude 1, 1938, S. 10ff.
Musikverein für Kärnten. Festschrift, 1942
Lied und Brauch. Aus der Kärntner Volksliedarbeit und Brauchforschung, 1956
F. Koschier, in: Jahrbuch des Österreichischen Volksliedwerkes 26, 1977, S. 140f.
A. Bösch-Niederer, in: Sänger- und Musikantenpost 38, 1996, S. 9ff.
G. Anderluh, in: Carinthia I, 192, 2002, S. 437ff.
G. Anderluh, in: Auf den Spuren der Volksliedforschung und Volksliedpflege in Kärnten, 2004, S. 14ff.
O. Holzapfel, in: Auf den Spuren der Volksliedforschung und Volksliedpflege in Kärnten, 2004, S. 85ff.
F. Prieberg, Handbuch Deutsche Musiker von 1933–1945, 2005, S. 144f.
Fachkommission für die Klagenfurter Straßen- und Plätzenamen. Schlussbericht, 2007, S. 7f.
M. Streit, Musik in Kärnten während der NS-Zeit. Eine Grundlagenforschung, kulturwiss. Masterarbeit Klagenfurt, 2014
Dieser Text wurde dem Österreichischen Biographischen Lexikon entnommen, geringfügig überarbeitet. Der originale Eintrag war zuletzt am 15.7. 2024 aktualisiert worden, https://www.biographien.ac.at/oebl/oebl_A/Anderluh_Anton_1896_1975.xml;internal&action=hilite.action&Parameter=volkskunde, veröffentlicht unter der Lizenz Creative Commons BY-NC-SA 3.0 AT
Weiterführende Links:
Ein Hörbeispiel finden Sie in dieser Web-Ausstellung, https://hdgoe.at/es-funkt_verschweigen-und-inszenierung_4
Uwe Baur / Karin Gradwohl-Schlacher, Literatur in Österreich 1938–1945, Band 2: Kärnten, Wien / Köln / Weimar 2011, online unter: https://library.oapen.org/bitstream/handle/20.500.12657/34378/437201.pdf?sequence=1&isAllowed=y