Seidl wurde am 24. August 1911 in Tulln geboren. Sein Vater, ein Friseur, starb im Ersten Weltkrieg. Seine Mutter arbeitete später im Bundeskanzleramt. Als Kind verbrachte er von 1920 bis 1921 sieben Monate in Dänemark und pflegte Kontakt zu einem jüdischen Onkel, der Kantorist und Briefmarkenhändler war. Nach dem Schulbesuch in Klosterneuburg und Horn begann er in Wien das Studium der Rechtswissenschaften, das er nach drei Semestern abbrach. Im Mai 1935 nahm er ein Studium der Germanistik und Geschichte auf, welches er 1941 mit einem Doktortitel abschloss, dieser wurde ihm 1947 aberkannt. Am 15. Oktober 1930 trat der 18-jährige Seidl der NSDAP bei und schloss sich im September 1931 der SA an. Im Mai 1932 wechselte er zur SS, wo er zum Offizier aufstieg. Nach der NS-Machtübernahme in Österreich 1938 arbeitete er bis 1939 als stellvertretender Werkschutzleiter bei den Flugmotorenwerken Austro-Fiat in Wien-Floridsdorf. 1939 heiratete er Elisabeth Stieber, mit der er drei Kinder hatte. Im Dezember 1939 wurde er infolge seiner SS-Zugehörigkeit zur Polizei einberufen und kurzfristig dem Inspekteur der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes (SD) in Wien zugeteilt. Anfang 1940 wechselte er in die Zentralstelle für jüdische Auswanderung und meldete sich beim Reichssicherheitshauptamt (RSHA) in Berlin im Referat IV B 4 („Judenangelegenheiten“) bei seinem Vorgesetzten Adolf Eichmann. Zunächst war er als Mitarbeiter der Umwandererzentrale Łódź für die Aussiedlung der polnischen und jüdischen Bevölkerung aus den neu angegliederten Reichsgebieten in das besetzte Polen zuständig. Ab 1941 war er im Stab des Umsiedlungsamtes Untersteiermark in Marburg/Maribor für die technische Seite der Umsiedlung der slowenischen Bevölkerung verantwortlich. Im Oktober 1941 wurde SS-Obersturmführer Seidl vom RSHA mit dem Aufbau des Ghettos Theresienstadt beauftragt. Von November 1941 bis Juli 1943 war er dort der erste Lagerkommandant. Unter Seidls Regime waren über 120.000 Personen in Theresienstadt /Terezín interniert worden, von denen 45.000 in Vernichtungslager deportiert wurden, 25.000 starben im Ghetto.
Seit Juli 1943 fungierte Siegfried Seidl als Leiter der Lager-Gestapo im KZ Bergen-Belsen, wo er insbesondere für jüdische Häftlinge aus alliierten und neutralen Staaten zuständig war, die als “Objekte” für Tauschgeschäfte mit den Alliierten in Frage kamen und deshalb bevorzugt behandelt wurden. Dennoch ließ er etliche Häftlinge in das KZ Auschwitz-Birkenau deportieren. Von dort wurde er in das KZ Mauthausen versetzt, wo er die Deportation der ungarischen Jüdinnen und Juden vorbereiten sollte. Im März 1944 kam er mit dem Sondereinsatzkommando Eichmann nach Budapest und wirkte an verschiedenen Einsatzorten in Ungarn an der Deportation von Jüdinnen und Juden sowie an der Enteignung von deren Vermögen mit. Von Sommer 1944 bis April 1945 kontrollierte Seidl als stellvertretender Leiter des SS-Sondereinsatzkommandos, Außenstelle Wien, 15.000 ungarische Jüdinnen und Juden in den Zwangsarbeitslagern in Wien und Niederösterreich.
Nach dem Krieg versuchte Seidl, zunächst unterzutauchen, kehrte aber Ende Juli 1945 nach Wien zurück, wo er verhaftet wurde. Vom 26. September bis 3. Oktober 1946 wurde ihm vor dem Volksgericht in Wien der Prozess gemacht. Am 14. November 1946 verurteilte ihn das Gericht für seine Verbrechen zum Tode, am 4. Februar 1947 erfolgte seine Hinrichtung am Landesgericht Wien.
Weiterführende Links:
https://www.ghetto-theresienstadt.de/lexikon/seidl-dr-siegfried
https://www.biographien.ac.at/oebl/oebl_S/Seidl_Siegfried_1911_1947.xml
Literatur:
Gabriele Anderl, Seidl Siegfried, in: Österreichisches Biographisches Lexikon 1815–1950 (ÖBL), Bd. 12, Wien 2005, S. 126 f.
Tomas Federovic, Der Theresienstädter Lagerkommandant Siegfried Seidl, in: Miroslav Kárný / Jaroslava Milotová / Raimund Kemper / Michael Wögerbauer (Hg.), Theresienstädter Studien und Dokumente 2003, Prag 2003, S. 162–209.
Ernst Klee, Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945, Frankfurt/Main 2007, S. 577.
Christiane Rothländer, Die Anfänge der Wiener SS, Wien 2012.
Hans Safrian, Eichmann und seine Gehilfen, Frankfurt/Main 1997.
Hans Schafranek, Wer waren die niederösterreichischen Nationalsozialisten? Biografische Studien zu NSDAP-Kreisleitern, SA und SS, St. Pölten 2020 (= Forschungen zur Landeskunde von Niederösterreich; Bd. 42), S. 135–137
Peter Schwarz, „Tulln ist judenrein!“ Die Geschichte der Tullner Juden und ihr Schicksal von 1938 bis 1945: Verfolgung – Vertreibung – Vernichtung, Wien 1997, S. 314–327.