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Österreich: ein Land ohne Juden
Festrede von Nobelpreisträger Prof. Dr. Eric Kandel zur Eröffnung des Hauses der Geschichte Österreich am 10. November 2018
Aus gesundheitlichen Gründen konnte Prof. Kandel nicht anwesend sein. Seine Rede wurde daher von Univ.-Prof. Oliver Rathkolb verlesen.

Es tut mir sehr leid, dass ich krankheitsbedingt heute nicht zu Ihnen sprechen kann, an diesem Tag, an dem wir die Eröffnung des Museums der österreichischen Geschichte feiern. Wie meine Vorredner schon dargelegt haben, zeichnet das Museum die Geschichte Österreichs über die letzten 100 Jahre nach. Angesichts dieser Geschichte ist es meiner Ansicht nach sowohl bemerkenswert als auch ermutigend, dass die Eröffnung genau 80 Jahre nach dem „Anschluss“ stattfindet. Genau an demselben Ort, auf dem Heldenplatz, wo Hitler triumphal einzog und von der österreichischen Bevölkerung mit offenen Armen empfangen wurde.

Bis in die jüngste Zeit wurde nicht öffentlich darüber gesprochen, dass Österreich die nationalsozialistische Ideologie damals freudig angenommen hat, was immer ein Grund für meine gemischten Gefühle gegenüber Österreich war. Das Pogrom von 1938 läutete den Beginn einer neuen Phase antisemitischer Verfolgung ein.

Die Eröffnung des Museums der österreichischen Geschichte ist für mich ein sehr persönlich berührendes Ereignis, insbesondere weil es sich am Heldenplatz befindet. Wie Sie wissen, bin ich Jude. Geboren wurde ich fast auf den Tag genau vor 89 Jahren, nämlich am 7. November 1929. Ich war acht Jahre alt bei Hitlers Aufmarsch auf dem Heldenplatz. Hitler stand auf dem Balkon, genau in demselben Gebäude, das jetzt das Museum beherbergt and rief am 15. März 1938 den „Anschluss“ aus, vor 200.000 frenetisch jubelnden Österreichern. Deshalb ist es so wichtig, dass der Balkon als Ort von höchster historischer Bedeutung zugänglich gemacht und zu einem Teil des Museums erklärt wird.

Schon wenige Tage nach dem „Anschluss“ veränderte sich das Leben der Wiener Juden dramatisch. Ich kann mich noch lebhaft daran erinnern, wie mein Vater gezwungen wurde, die Straße vor seinem Geschäft mit einer Zahnbürste zu reinigen. Wie der Vater meines besten Freundes Kurt ihm befahl, nie wieder mit mir zu sprechen. Binnen eines Jahres ging ich gemeinsam mit meinem Bruder in die Vereinigten Staaten, zunächst ohne unsere Eltern. Sie folgten sechs Monate später.

Warum ich mich so lebhaft an diese Ereignisse erinnern kann? Hier liefert meine Forschung als Neurobiologe einige Antworten. Ich fand heraus, dass eine Person sich insbesondere dann an etwas sehr lange erinnert, wenn tiefgreifende Veränderungen in ihrem Gehirn stattgefunden haben.

Es überrascht die Menschen immer sehr zu hören, dass Erinnerungen gebildet werden, indem das Gehirn neue Synapsen bildet, das heißt, dass es neue anatomische Strukturen erschafft, die Zellen miteinander verbinden. Traumatische Ereignisse erzeugen besonders tiefgreifende Veränderungen im Gehirn. Deshalb erinnern wir uns so gut an sie. Nachdem Sie heute den Rednern zugehört und sich ihre Worte gemerkt haben, wird ihr Gehirn ein anderes sein. Und es wird sich kontinuierlich weiter verändern, während Sie durch die Ausstellung dieses wundervollen Museums gehen. Als der Betrachter von Texten und Bildern werden Sie zu einem Anderen werden. Und da Übung den Meister macht, werden die Veränderungen in Ihrem Gehirn und die Wirkung der Ausstellung auf Sie umso größer, je häufiger Sie das Museum besuchen.

Aber ich möchte mich gern einem anderen Thema widmen. Es geht um die heutige Situation der jüdischen Bevölkerung in Wien. Mir fällt da ein Buch von Hugo Bettauer ein. Er war ein Journalist, der noch in seiner Teenagerzeit vom Judentum zum Protestantismus konvertierte. 1922 schrieb Bettauer dann einen Roman mit dem Titel „Wien, die Stadt ohne Juden“. Es zeichnet das Bild eines zukünftigen Wiens, das wegen des durch Stadtoberhäupter ausgeübten Drucks versucht, all seine jüdischen Bürger auszuweisen. Die Konsequenz dieser Maßnahme ist, dass die Wirtschaftsgrundlage der Stadt ins Wanken gerät und das gesellschaftliche Leben an Glanz verliert. Am Ende beschwert sich jeder in der Stadt darüber, wie sehr die Lebensqualität abgenommen hat. In der Oper sind die Zuschauerzahlen rückläufig und die eleganten Warenhäuser haben weniger Kundschaft. Die Wiener Mädchen denken sehnsuchtsvoll zurück an ihre jüdischen Kavaliere, die sie mit Geschenken zu überhäufen pflegten, sich immer gut benahmen und nie zu viel tranken. Die Folge war, dass die Stadtoberhäupter immer mehr verzweifelten. Es blieb ihnen keine andere Wahl, sie mussten die Juden anflehen, wieder zurück zu kommen.

1925 marschierte ein junger Mann namens Otto Rothstock mit einer Pistole in Bettauers Büro und erschoss ihn. Obwohl er augenscheinlich auf eigene Faust gehandelt hatte, war er zu einem früheren Zeitpunkt Mitglied der Nazi-Partei gewesen. Tatsächlich sorgte die Nazi-Partei auch für Rothstocks Verteidigung vor Gericht.

Seit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs ist die Anzahl der Juden in Deutschland und Österreich kontinuierlich zurückgegangen, ebenso wie im restlichen Europa. Die jüdische Bevölkerung in Europa sackte von 9.4 Millionen im Jahr 1939 auf 1.4 Millionen im Jahr 2010 ab. 1939 lebten 50 % der Juden weltweit in Europa. 2010 waren es dann nur noch 10 %.

Einer der Gründe für den anhaltenden Rückgang der jüdischen Bevölkerung in Europa ist die Existenz Israels, das für Juden aus naheliegenden Gründen sehr große Anziehungskraft hat. Es gibt aber einen großen Unterschied zwischen Deutschland und Österreich. Deutschland hat bewusste Anstrengungen unternommen, um Juden zurück zu holen und seine jüdische Gemeinde wiederherzustellen. Im Jahr 1933 lebten 505.000 Juden in Deutschland (das entsprach 0.75 % der Bevölkerung); im Jahr 1945 waren es nur noch 19.000. Aber Deutschland holte Juden aus Osteuropa ins Land, um die Zahl wieder zu erhöhen. Im Jahr 2010 war die Zahl der jüdischen Bevölkerung in Deutschland auf 119.000 angewachsen, was 0,14 % der Gesamtbevölkerung entspricht. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts hat Deutschland die einzige wachsende jüdische Gemeinde in Europa. Bund und Länder wetteifern darum, die prächtigsten Synagogen, jüdische Schulen und andere Einrichtungen zu bauen.

In Österreich stellt sich die Situation ganz anders dar. Im Jahr 1933 gab es in diesem Land etwa 191.000 Juden, was 2.8% der Bevölkerung entsprach. Das Zahlenverhältnis war also viermal höher als in Deutschland. Nach der Besatzung durch Nazi-Deutschland im Jahr 1938 wanderte der größte Teil der jüdischen Gemeinde entweder aus oder wurde im Holocaust ermordet. Die jüdische Bevölkerung in Österreich verringerte sich auf 9.000 offiziell erfasste Personen im Jahr 2010. Das heißt, dass der Anteil an Juden sich von 2.8% der österreichischen Gesamtbevölkerung im Jahr 1933 auf 0,1% im Jahr 2010 reduzierte. In Deutschland hat die heutige jüdische Bevölkerung noch 18.7% ihrer ursprünglichen Größe aus dem Jahr 1933.  In Österreich ist sie sogar noch kleiner; sie beträgt nur noch 3.4% von der Größe, die sie einst hatte. Dieser Kontrast ist verblüffend. Während die kleine jüdische Bevölkerung in Westdeutschland wächst, verringert sich Österreichs viel kleinere jüdische Bevölkerung immer weiter. Ich bin fest davon überzeugt, dass Strategien zum Einsatz kommen müssen, um Juden nach Österreich zu holen oder um die hier zu halten, die zum Studieren herkommen, aber dann nicht bleiben können, wie zum Beispiel die Absolventen der Lauder Business School.

Eine der ermutigendsten Veränderungen, die man in Österreich wahrnehmen kann, ist der Rückgang an Antisemitismus. Mitte der 80er Jahre begann die Regierung, Antisemitismus entgegen zu wirken. Sie gab einen Film über das Konzentrationslager Mauthausen und einen Schultext zum Thema jüdische Geschichte in Auftrag. Zwischen 1982 und 1986 ließ sie fünf Organisationen auflösen und 30 Veranstaltungen verbieten, bei denen man Sympathien für den Nationalsozialismus vermutete. Wien benannte sogar einen kleinen Park nach Sigmund Freud. Im Jahr 2012 wurde der Dr.-Karl-Lueger-Ring – benannt nach einem sehr verdienstvollen, aber auch sehr antisemitisch eingestellten früheren Wiener Bürgermeister – in Universitätsring umbenannt. Ich bin stolz darauf, dass ich bei dieser Veränderung eine Rolle spielen konnte. Aber es gab viele Einzelpersonen in Wien, die es ermöglichten. Der ganze Prozess begann, als ich mit dem österreichischen Kanzler Werner Faymann während seines US-Besuchs über eine mögliche Umbenennung dieses Straßenabschnitts vor der Wiener Universität sprach. Faymann bat daraufhin seinen Staatssekretär Josef Ostermayer, mit Michael Häupl, dem Wiener Bürgermeister zu sprechen. Dieser wiederum bat Heinz Engl, den Rektor der Universität Wien, ein Unterstützungsschreiben für die Umbenennung des Karl-Lueger-Rings zu verfassen. Im Hintergrund half darüber hinaus auch der damalige Bundespräsident Heinz Fischer mit. Der Umbenennung wurde zugestimmt. Der Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny führte die Umbenennung im April 2012 durch.

Um die Bedeutung des Gedenkens und des Erinnerns an die vergangene Verfolgung von Juden zu betonen, wurden vor Häusern, in denen früher Juden lebten, „Stolpersteine“ in den Gehweg eingelassen. An der Fassade des Wohnhauses in der Severingasse 8, wo meine Eltern, mein Bruder und ich lebten, wurde auch eine Gedenktafel angebracht, um die Passanten daran zu erinnern, dass dort einmal Hermann, Charlotte, Ludwig und Erich Kandel gelebt hatten und dass sie weggehen mussten. Im letzten April nahm ich an einer sehr bewegenden Zeremonie teil, als die Gedenktafel enthüllt wurde. Viele Menschen, Juden und auch Nicht-Juden kamen, um diesen Gedenkakt zu feiern.

Die Stadt beteiligt sich auch recht großzügig an der Erhaltung verschiedener jüdischer Institutionen, was auch die Pflege des jüdischen Friedhofs miteinschließt.

Die österreichische Regierung hat eine Schlüsselrolle bei der Wiederbelebung des jüdischen Lebens gespielt, und dieses Leben ist wieder aufgeblüht. Die Jüdische Gemeinde veranstaltet Vorlesungen, Ausstellungen und Konzerte. Sie betreibt ein Altersheim, ein Kulturzentrum und eine Vielzahl von Institutionen für Kinder und junge Leute. Außerdem gibt es öffentliche Anerkennung für die Verdienste vieler einzelner Juden. […]

Wie ich zuvor bereits erwähnt habe, hatte Österreich früher einen sehr viel höheren Anteil an Juden als jedes andere westeuropäische Land. Das ist nicht mehr länger der Fall.  Österreich ist tatsächlich vielmehr zu einem Land geworden, in dem kaum Juden leben. Das ist aus zwei Gründen enttäuschend. Erstens könnte Österreich immens von dem intellektuellen Ehrgeiz und der physischen Energie der Juden profitieren. Und zweitens können Juden stark davon profitieren, in Wien zu leben.

Dieses neue Museum bietet Österreich die wichtige Gelegenheit, sich seinen dunkleren Zeiten zu stellen. Damit das Museum eine der Wahrheit verpflichtete Institution ist, muss es die Geschichte des Antisemitismus, die Österreich befleckt, ausdrücklich und nachdrücklich miteinbeziehen. Ja, das Museum scheut sich nicht davor, diesen Teil der österreichischen Geschichte zu beleuchten. Denn nur durch eine offene Konfrontation mit den problematischen Aspekten seiner Geschichte kann Österreich darauf hoffen, ähnliche Ereignisse in Zukunft zu vermeiden. Lassen Sie uns hoffen, dass die Einwohner Österreichs die Juden nicht nur als eine historische Kultur in einem Museum wahrnehmen, sondern vielmehr auch als einen lebendigen Teil ihrer Gesellschaft.

Ich komme sehr gern zurück nach Wien, genieße die Kunst, die Schönheit der Stadt und die vielen Freundschaften, die ich hier im Laufe der Jahre geschlossen habe. Meine Gefühle haben sich weiterentwickelt, weg von Bitterkeit, Ärger und Misstrauen hin zu Akzeptanz und Versöhnlichkeit. Ich habe versucht, etwas zur wissenschaftlichen Wiederbelebung Österreichs beizutragen, indem ich mehrere wissenschaftliche Forschungszentren und Institute beraten habe, die mittlerweile zu erstklassigen weltweiten Institutionen herangewachsen sind.

Darüber hinaus kann ich nun meine wissenschaftlichen und ästhetischen Ziele in Wien miteinander verbinden und dabei auch die Erinnerung ehren, die uns an diesem heutigen Tage so wichtig ist. Ich habe mich erst kürzlich mit altersbedingtem Gedächtnisverlust beschäftigt. Dabei kam heraus, dass das Gehen eine der besten Methoden ist, um altersbedingtem Gedächtnisverlust entgegen zu wirken. Gehen setzt aus den Knochen ein Hormon namens Osteocalcin frei und Osteocalcin macht altersbedingten Gedächtnisverlust rückgängig.

Es gibt auf der ganzen Welt nur wenige Städte, die so sehr zu Gehen anregen wie Wien. Wien ist das Paradies der Spaziergänger. Und ich werde weiterhin immer wieder durch Wien spazieren, wenn ich zurückkehre, um mich an der Stadt, dem Museum der österreichischen Geschichte und meinen Wiener Freunden zu erfreuen.