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Waldheimat

Das Land war eben noch vom Papst höchstpersönlich zur Insel der Seligen auserwählt worden, da wurde es unversehens zur Quarantänestation einer Gedächtniskrankheit.

Im Kalten Krieg war keine Großmacht daran interessiert gewesen, von der einschlägigen Vergangenheit Österreichs zu reden. Das Alpenland sollte im toten Winkel zwischen Ost und West bleiben – ein blinder Fleck, abgetrennt von großdeutscher Geschichte. Die offizielle Doktrin, ganz Österreich sei nichts als das erste Opfer Hitlers gewesen, diente als kollektive Unschuldsthese. Wer hier Wahlen gewinnen wollte, musste den Konsens mit den ehemaligen Mitläufern und den Tätern anpeilen. Die Ermordeten wurden überstimmt.

Naziverbrecher wurden in den 1950er und 1960er Jahren vor österreichische Geschworenengerichte gestellt – und von ihnen freigesprochen. Die Prozesse gerieten zu Tribunalen gegen die jüdischen Überlebenden. Die Massenmörder erklärten, sie könnten sich an ihre Untaten nicht erinnern und hätten nur ihre Pflicht erfüllt. Diese Ausrede funktionierte gut. Die Geschworenen erkannten sich in ihnen wieder.

 

Jahre später beteuerte auch Kurt Waldheim, der Bundespräsidentschaftskandidat, Teile seiner Kriegsbiografie vergessen und im Dienst für die reichsdeutsche Wehrmacht alleinig seine Pflicht erfüllt zu haben. Er wiederholte, was jahrzehntelang in Österreich als Ausrede akzeptiert gewesen war. Aber nun stießen diese Erklärungen nicht mehr auf Gleichgültigkeit im Ausland und in der eigenen Republik regte sich Widerspruch gegen solche Aussagen eines Politikers.

Der erste Bericht über Waldheims unterschlagene Vergangenheit erschien am 3. März 1986 im Magazin profil. Der Artikel platzte mitten in den Wahlkampf um das höchste Amt. Bereits zwei Tage danach veröffentlichte die New York Times weitere Quellen, die belegten, dass Kurt Waldheim, immerhin der ehemalige Generalsekretär der Vereinten Nationen, seine Biografie geschönt hatte. Wenige Stunden später präsentierte der World Jewish Congress Dokumente zu Waldheims unterschlagenem Lebenslauf.

 

Waldheim leugnete – trotz gegenteiliger Beweise – seine Mitgliedschaften im NS-Studentenbund und bei der SA. Er gab nicht einmal zu, seine Zeit an der Front und im Stab des Kriegsverbrechers General Löhr offenkundig unterschlagen zu haben. Er behauptete, von den Abertausenden Juden in Saloniki nichts bemerkt zu haben. Er habe von den Deportationen, die dort, wo er saß, organisiert worden waren, nichts mitbekommen. Stattdessen sprachen er und seine Parteigänger von einer Kampagne, die von der sogenannten Ostküste – ein altes antisemitisches Codewort für das amerikanische Judentum – gegen ihn geritten werde.

Er sei kein Kriegsverbrecher, beteuerte Waldheims Wahlteam, obgleich dieser Vorwurf vom World Jewish Congress damals noch gar nicht erhoben worden war. Die jüdischen Funktionäre stellten fest, er sei bestenfalls ein Lügner.

 

Immerhin stand er im Verdacht: Vom kroatisch-faschistischen Ustascha-Regime war Waldheim 1942 für seine Verdienste bei der sogenannten Partisanenbekämpfung, einem besonders verbrecherischen Kapitel des nazistischen Kriegs, mit der Zvonimir-Medaille in Silber und Eichenlaub ausgezeichnet worden. Er wurde 1948 auf der Liste von Kriegsverbrechern, die von den Vereinten Nationen zusammengestellt worden war, namentlich erwähnt.

Aber nicht Waldheims Vergangenheit, sondern seine Verteidigungslinie wurde indes zum eigentlichen Skandal: Er habe nur seine Pflicht erfüllt, sagte er, als wäre es die wahre Bestimmung eines jeden Österreichers gewesen, für Hitlers reichsdeutsche Wehrmacht zu kämpfen. Er sprach nicht von Zwang. Er zeigte auch keine Reue. Er gab nichts zu, sondern erklärte, er könne sich nicht erinnern. Er wurde just dadurch zur Identifikationsfigur vieler Wähler, die wie Waldheim keinerlei Lust hatten, sich daran zu erinnern, was den Juden oder anderen Verfolgten von Österreichern angetan worden war. Eine Stimme für ihn wurde zu einer gegen die Opfer.

Die Volkspartei spielte mit antisemitischen Untertönen. Auf Wahlplakaten in Signalgelb – in der Farbe, die viele an die Judensterne erinnerte – war in Schreibschrift zu lesen: »Wir Österreicher wählen wen wir wollen! – Jetzt erst recht«. Es war klar, was gemeint war: »Von den Juden lassen wir uns nichts sagen.« Politiker der Volkspartei hetzten gegen die Funktionäre des World Jewish Congress und nannten sie »ehrlose Gesellen«. In der Zeitung Die Presse war zu lesen, das Auftreten der Vertreter des World Jewish Congress müsse unweigerlich Antisemitismus hervorrufen. Die Kronenzeitung, das Zentralorgan des heimischen Ressentiments, schürte täglich Hass.

 

Aber anders als in früheren Zeiten wurde über den Versuch des Alpenlandes, die Nazivergangenheit nach Deutschland zu exportieren, nicht mehr hinweggesehen. Waldheim war nicht bloß der Präsidentschaftskandidat eines Kleinstaats. Er war der ehemalige Generalsekretär der UNO. Zudem war der Kalte Krieg vorbei. Selbst in Moskau wurden nun Transparenz und Offenheit gefordert. Das neue Schlagwort hieß »Glasnost«. Was in Wien geschah, lag nicht mehr im Schatten des Eisernen Vorhangs. Die Globalisierung der Erinnerung betraf auch Österreich.

 

Kurt Waldheim blieb unverdrossen dabei, nie beim NS-Reiterkorps gewesen zu sein. Als ihm das Gegenteil bewiesen wurde, erklärte der Politiker, er sei »ja nur mitgeritten«.

»Wir nehmen zur Kenntnis, dass nicht Waldheim bei der SA war, sondern nur sein Pferd«, sagte daraufhin der Bundeskanzler Fred Sinowatz und Manfred Deix zeichnete eine Karikatur: Waldheim, auf seinem Pferd mit SA-Kappe und Hakenkreuzbinde, schimpft: »Du bist schuld, wenn i später amal Schwierigkeiten krieg, du saublödes Viech!«

Intellektuelle, Künstler und Schriftsteller schlossen sich im »Republikanischen Club – Neues Österreich« gegen Antisemitismus und Geschichtsleugnung zusammen. Zu unserem Symbol wurde ein Holzpferd, das Peter Turrini aufgrund des Satzes von Fred Sinowatz erdachte, Kuno Knöbl initiierte und Alfred Hrdlicka entwarf. Das Holzpferd war das mobile Monument einer Bewegung. Auf den Kundgebungen sprachen Rosa Jochmann, Elfriede Jelinek, Gerhard Roth, Robert Menasse, Adolf Frohner, Georg Chaimowicz, Josef Haslinger, Robert Schindel – um nur einige zu nennen. Die intellektuelle Auseinandersetzung prägte die Kunst und die Literatur. Die Diskussion über die historische Verantwortung Österreichs riss nicht mehr ab.

 

Waldheim wurde gewählt. Ein rückgratloser Opportunist und Geschichtsleugner wurde zum internationalen Symbol für Österreich. Der Präsident geriet zur Unperson, zum einsamen Gespenst der Hofburg. Kaum jemand wollte ihn besuchen. Noch weniger luden ihn zu sich ein, doch statt nun – als Staatsoberhaupt – Worte der Verständigung und der Einsicht zu finden, verschanzte sich Waldheim hinter seiner unverdrossenen Selbstgerechtigkeit.

Da er in unmittelbarer Nähe des Kriegsverbrechers General Löhr gedient hatte, wurde Waldheim in den USA 1987 auf die Watchlist mutmaßlicher Kriegsverbrecher gesetzt. Die österreichische Regierung berief hierauf eine Historikerkommission ein, die alle Vorwürfe klären sollte. Festgestellt wurde im Endbericht, Waldheim habe nicht persönlich Kriegsverbrechen begangen, jedoch »wiederholt im Zusammenhang rechtswidriger Vorgänge mitgewirkt und damit ihren Vollzug erleichtert«. Vernichtend das moralische Urteil: »Waldheims Darstellung seiner militärischen Vergangenheit steht in vielen Punkten nicht im Einklang mit den Ergebnissen der Kommissionsarbeit. Er war bemüht, seine militärische Vergangenheit in Vergessenheit geraten zu lassen, und sobald das nicht mehr möglich war, zu verharmlosen.«

 

Waldheim trat nicht mehr zu einer zweiten Amtsperiode an. Einige Jahre später sprach Kanzler Franz Vranitzky vor der Knesset von der österreichischen Mitverantwortung an den nazistischen Verbrechen. Die Auseinandersetzung über den heimischen Nationalsozialismus und über Antisemitismus prägte die heimischen Debatten der nächsten Jahre. Die kritische Bewegung gegen Kurt Waldheim wurde zum Nukleus des zivilgesellschaftlichen Engagements gegen Rassismus.

Von der Stimmung, die 1986 die Volkspartei angefacht hatte, profitierten indes die Freiheitlichen, die Nachfolger der deutschnationalen Vorgänger der Nazis. Im Herbst desselben Jahres wurde Jörg Haider zum Parteiführer der Rechtsrechten. Während Waldheim nur ein Auslaufmodell österreichischer Geschichtsleugnung war, stieg Haider zu einem Prototyp des neuen rassistischen Populismus in Europa auf.

Dieser Text stammt aus dem Band 100xÖsterreich, den Sie im Buchhandel erwerben können. Andere Beispieltexte aus diesem Buch finden Sie hier.

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